Biene Maja

Tja und hier mal eine ganz andere Geschichte der Biene Maja. Dank tatkräftiger Unterstützung verschiedener Schreiberlinge (besonders Nicole sei hier hervorzuheben ;-)) konnte dieses genaile Machwerk entstehen.

Viel Spaß beim lesen!

Die Geschichte, wie der Floh zur Biene Maja kam.

Es war ein Floh namens Ryan.
Ryan wuchs als Waise auf, nachdem er seine Eltern auf tragische Weise durch einen Tierarzt verloren hatte Im Flohwaisenhaus ging es ziemlich rabiat zu, so dass er schon in frühen Teenageralter zur Flasche griff.
Ryan kam aus dem Waisenhaus, als die Möglichkeit bestand, den Rest des Lebens auf einem alten Dackel weiter zu führen. Der Dackel war sehr weise aber leider auch ein riesen Klugscheißer. Ryan kannte nichts anderes als diesen Dackel und dessen Art. Der Alkohol tat sein übriges. Genau dieser war auch Schuld daran, dass Ryan bei einem Spaziergang auf seinem Dackel stramm wie eine Axt aus dem Fell fiel. Nach stundenlangem Delirium kam er irgendwann zu sich und schaute sich um.
Diese Gegend kannte er noch nicht, es war auch nicht die übliche Spaziergangstrecke gewesen. Mutterseelenalleine in einer fremden Gegend mit einem riesen Kater zog er los. Viele Blumen und Pflanzen sah er, viele neuartige Gerüche und Geräusche drangen an seine Nase und sein Ohr. Plötzlich vernahm er ein tiefes Brummen.
Ein für ihn riesiges Insekt kam direkt in seine Richtung. Er versuchte noch unter einen Halm zu hechten, aber zu spät. Der dicke Brummer hatte ihn entdeckt. Als dieser landete konnte er sich von dem Wind, den die Flügel entfachten, kaum halten. Jetzt kam er auf ihn zu. Furchterregend stand er vor ihm. Dieses änderte sich schlagartig, als der Brummer den Mund aufmachte und heraus kam ein: „ Hallo, was bist du denn für ein komisches Ding?“
Es war Willy!
Der gerade noch vor Angst erstarrte Rayn brach in prustendes Gelächter aus, als er diese Stimme hörte. Als er sich wieder beruhigt hatte und sich noch die Tränen aus den Augen wischte, sagte er:
 “Ich bin Ryan, der Floh!” “
Hä? Raiäään? Was ist denn das für ein Name….” sagte Willy. “Neinnein, R-Y-A-N”, buchstabierte der Floh. Das war nichts für Willy: “Aha, also Rian. Floh Rian”.
Der noch angetrunkene Floh schnappte nach Luft. Späße auf seine Kosten konnte er gar nicht leiden. Doch noch bevor er die offenbar total dusselige und pummelige Drohne zurechtweisen konnte, brüllte dieser schon laut in die Runde: “Leute, Maja, kommt mal her, hier ist ein neuer: Flohrian heißt der!” Maja war als erstes zu den beiden gestoßen: “Hallo Flohrian, du siehst ja lustig aus, ich bin die…” Sie kam aber nicht dazu, sich vorzustellen, denn der mittlerweile hochrot angelaufene Floh platzte auf einmal heraus:
„Was für ein Haufen seid Ihr eigentlich? Ist das hier ein Kindergarten oder was? Und warum tragt Ihr alle die gleichen schwarz-gelbem Sachen? Ist das hier so eine Art Club?“
Diese forsche Art überraschte alle umstehenden so derart, dass plötzlich absolute Ruhe herrschte und keiner mehr ein Wort sagen konnte. Diese Ruhe war allerdings rasch beendet, als ein schnittiges „Links, zwo, drei, vier!“ zu hören war.
Die Ameisenarmee war angerückt um den Grund des Tumultes zu ergründen. Der Oberst trat hervor und musterte den Ankömmling von oben bis unten. Nachdem Ryan sich vom ersten Schock erholt hatte, fragte er den Oberst: „Seid Ihr der Boss hier?“ So viel Pampigkeit und Ungehorsam war er zwar nicht gewohnt, allerdings fühlte er sich auch ein wenig geschmeichelt und geehrt und wuchs um einige Millimeter. „Ich bin der Oberbefehlshaber der Ameisenarmee und sorge für Recht und Ordnung hier!“
Jetzt meldete sich Maja zu Wort: „Wer bist du und woher kommst Du? Du bist ja noch kleiner als die Ameisen!“ Seinen Helm zurechtrückend und den Blick grimmig verstimmt setzte der Oberst gerade zum Befehlston an, als ihn Ryan unterbrach: „ Also ich bin ein Floh und hab Durst. Habt Ihr was zu trinken?“ Ein Soldat der Ameisenarmee reichte ihm seine Feldflasche. Ryan nahm einen großen Schluck, den er im hohen Bogen auf einen Grashalm spuckte. „Bähhh, das ist ja Wasser! Habt Ihr denn nichts anderes?“ Maja. Willy und alle anderen wussten nicht genau, was er damit meinte und schauten sich verdutzt an. “Maja, was gibt es denn noch anderes zu trinken???” wollte Willy wissen. Dem Oberst reichte es jetzt endgültig. „Hör mal zu, Floh Ryan! Unser kostbares Wasser zu verschmähen geht eindeutig zu weit. Nehmt Ihn fest!“ So schnell konnte Ryan gar nicht gucken, zumal er noch leicht angetrunken war, wie ihm die Soldaten die Grashalmfaser anlegten.
Im Gefängnis
Der Floh Ryan wurde in das Insektengefängnis gebracht. Er sah sich um, nachdem ihm die Grashalmfaserhandschellen abgenommen wurden: es war dunkel und nur das Geräusch tropfenden Wassers zu hören. Forsch, wie er nun einmal war, fragte er seine soldatischen Begleiter, wo er sich befände, und ob es hier wenigstens etwas Anständiges zu trinken gäbe. Die Umgebung kam ihm bekannt vor – als er noch auf dem Dackel lebte, hatte er die ein oder andere Kneipe kennengelernt, in denen sich der Chef des Dackels und die anderen Riesentiere („Menschen“ genannt) zum geselligen Zusammensein trafen.
„Was sonst außer Wasser kann man denn trinken?“, fragte ihn einer der Soldaten. „Na, Bier zum Beispiel! Oder Wein! Oder Härteres!“, antwortete Ryan. „Härteres?“, kam zweifelnd von dem Soldaten, „also, ich weiß zwar nicht, was Bier und Wein ist, aber dass man harte Sachen trinken kann, hab ich noch nie gehört. Das nennt man bei uns essen!“ Seufzend ließ Ryan sich auf den harten Boden sinken: „Ich merke schon, ihr habt keine Ahnung vom richtigen Leben…ein Königreich für ein Bier!“, dachte Ryan laut. „Du würdest das Königreich für etwas Trinkbares hergeben?“, der Ton des Soldaten verschärfte sich, „Wer bist du wirklich und was willst du hier? Bist du ein Terrorist, ein Staatsfeind für das Königreich von Helena, der 8. regierenden Königin?“ „Nein, nein,“ beeilte Ryan sich zu sagen, denn er traute diesen komischen Typen nicht mehr über den Weg – er musste irgendjemanden auf seine Seite ziehen, das wurde ihm langsam klar, ansonsten würde er dieses finstere Loch womöglich nie mehr verlassen können!
Gleichzeitig kam ihm eine Idee, wie er seine künftige Versorgung mit Alkohol gewährleisten könnte – er erinnerte sich an einen Besuch des Riesentiers samt Dackel in einem Brauhaus…
„Ich bin euch gesandt worden, um euch die Kunst des Bierbrauens lehren“, sprach Ryan mit stolzgeschwellter Brust, „damit besiegt ihr jeden Gegner! Es macht euch frei im Kopf, die Sorgen und Ängste verschwinden und ihr werdet mutiger. Wenn du so willst, ist es eine Art Zaubertrank, der das Königreich von Pamela aufblühen lassen kann!“
 „Pamela?“, fauchte der Soldat, „hier gibt’s keine Pamela! Helena heißt unsere verehrte Königin! Du verspottest uns und unser Königreich, nun reicht es endgültig! Ich werde sofort den General verständigen!“
Während der Soldat verschwand, um den General auf den neuesten Stand der Dinge über diesen verrückten Floh zu bringen, grübelte Ryan darüber nach, warum immer er in solch’ missliche Lagen geriet. Er nahm sich vor, künftig etwas vorsichtiger zu sein – bevor er nicht geklärt hatte, wie er an seine tägliche Alkoholration kommen sollte, musste er wohl oder übel kleine Brötchen backen…er sah sich genauer um – vielleicht ergab sich ja auch eine Chance zur Flucht. Die Gitterstäbe an dem einzigen Fenster des dunklen Kerkers sahen nicht sehr stabil aus…es wirkte eher wie ein Netz. Ryan versuchte zu entkommen, je mehr er sich aber bemühte, umso weniger gelang es ihm, und er verstrickte sich in den seltsamen Fäden! Als er eine Stimme vernahm, die ihn warnte, nicht weiterhin rumzuzappeln, erschrak er heftig. Ein großes schwarzes behaartes Vieh mit mindestens 8 Beinen saß außen vor dem Fenster, was die Dunkelheit in dem Raum erklärte.
„W-w-w-er bist du?“, fragte er das Ungetüm. „Ich bin Thekla, die Kreuzspinne, und ich warne dich, du entkommst mir nicht!“ Entmutigt lehnte Ryan sich zurück und vernahm ein leises Geräusch. Er war doch nicht allein!
Ein kleines komisches Wesen saß zitternd in der hintersten Ecke des Raumes. „Hey, was machst du da? Warum sagst du nichts?“, fragte Ryan das bebende Bündel. „Ich warte auf meine Verhandlung – ich habe Blut von Fräulein Kassandra getrunken. Dabei brauche ich das doch zum Überleben! Ich bin die Zecke Hörnfried, und wer bist du?“
Ryan war sprachlos. Was ist das nur für ein merkwürdiges Land, in dem Alkohol und Blut nicht getrunken werden dürfen, keiner seine Meinung sagen darf und man dafür sogar eingesperrt wurde? „Es gibt noch mehr Gefangene hier“, erklärte ihm sein neuer Freund Hörnfried,
„Puk, die kurzsichtige Stubenfliege zum Beispiel, der arme Kerl hat sich in die Schlafräume von Königin Helena verirrt, weil er seine Brille verlegt und nicht gesehen hatte, wo er hinflog. Jetzt ist er als Triebtäterfliege abgestempelt. Oder Kurt, der Mistkäfer. Hat sich als Rosenkäfer ausgegeben und wurde des Betrugs überführt. Und Hannibal, der Weberknecht, sitzt ein, weil er die Hopfendoldenfelder beinahe komplett leer gefressen hat!“
Der Floh Ryan setzte sich zu der Zecke Hörnfried und sprach beschwörend auf seinen neuen Kumpel ein: “Ok, dann lass uns mal überlegen, was wir tun können, um hier rauszukommen und unser Leben angenehmer zu gestalten!“ Er weihte Hörnfried in seine Pläne des Bierbrauens ein und sagte außerdem: „Ich muss auch Blut trinken, aber das habe ich auf ein Minimum reduziert, weil ich dank des Bieres gar nicht mehr so viel Blut benötige. Bier perlt so schön und du fühlst dich federleicht, es ist der reine Zaubertrank!“ Hörnfried war auf Anhieb begeistert und versprach Ryan, ihm zu helfen. Die beiden heckten einen Plan aus, wie sie ihre Freiheit wiedererlangen könnten. „Wir müssen das Gericht von dem Zaubertrank überzeugen, dann lassen sie uns bestimmt raus!“, rief Ryan.
Gesagt, getan. Die eilig einberufene Schnellverhandlung vor dem obersten Gericht des Bienenstaates kam Ryan gerade recht. Und er schaffte es, die Geschworenen zu überzeugen. Sofort machten er und Hörnfried sich ans Werk, erklärten Maja und dem tollpatschigen Willi, dass sie Gerstenkörner und Hopfendolden sammeln müssten und teilten die fleißigen Arbeiterameisen zum Wasser herbeischleppen ein. Ryan freute sich, das Oberkommando zu haben und lief sofort wieder zu seiner alten klugscheisserischen Hochform auf – mit dem Wissen, bald wieder chillig abhängen zu können. Die Gerstenkörner wurden in Wasser eingeweicht, damit sie aufquellen und keimen, danach kamen die Hopfendolden hinzu und kurze Zeit später war das erste Bier gebraut!
Natürlich ließ es sich Ryan nicht nehmen, den ersten Schluck des neugebrauten Bieres zu kosten. Er nahm einen der kleinen bunten Töpfen, in denen normalerweise der Honig transportiert wurde, und goss vorsichtig den ersten Gerstensaft hinein.
Maja, Willy und der Rest des Bienenstockes schauten interessiert dem Treiben von Ryan zu und waren sehr gespannt auf das Ergebnis und den Geschmack dieses Gebräues.
Während der Duft von Hopfen die Wiese einnebelte, nahm Ryan einen riesen Schluck Bier. Der erste seit langer Zeit! Er schloss dabei die Augen und genoss das Rinnsal kühlen Nasses, der seine Kehle hinunterlief.
Mit einem aus tiefster Seele kommenden „Aaahhhhhh!“ und einem Gesichtsausdruck, der keine Zweifel mehr offen ließ, wie gut es schmeckte, gab er den Topf weiter.
Als nächstes war sein neuer Kumpel Hörnfried dran, den hatte er nicht vergessen.
Der erste Schluck war für ihn fremd, schmeckte bitter und nicht so süßlich, wie da Blut, welches er normalerweise trank. Er schüttelte sich leicht. Ryan flüsterte ihm zu: „ Das ist nur der erste Schluck, beim zweiten schmeckt es viiiiel besser!“ Also nahm Hörnfried tapfer einen zweiten, größeren Schluck aus dem bunten Topf. Diesmal schüttelte er sich nicht, sondern über sein Gesicht huschte ein breites Grinsen.
Das war der Moment, in denen alle vor Neugier platzten und dieses neue Getränk unbedingt probieren mussten. Es wurden noch mehr Töpfe geholt und mit Bier gefüllt, so dass alle gleichzeitig probieren konnten.
Der einzige, der skeptisch im Hintergrund bleib und dem ganzen nicht so traute war Flip, der Grashüpfer!
Zur selben Zeit an einem anderen Ort…
„Hey Grabo, buddel mal ein bisschen schneller, ich hab Hunger.“ summte Schaufler unwirsch. Seine Stimme hallte durch den Gang und warf Echos, wenn sie in einen der vielen abzweigenden Tunnel einbog, wo sie schließlich leiser und leiser wurde und sich am Ende in der unterirdischen Stille verlor. „Psst! Willst Du das sie uns hören? Ich möchte nicht für einen Mitternachtshappen von der Chefin gegrillt und verspeist werden. Also sei still!“ Grabo war der Ältere und meistens auch der Vernünftigere der beiden, auch wenn man von Vernunft eigentlich bei keinem der beiden sprechen konnte. Nennen wir ihn daher lieber „erfahrener“.
Ja, erfahrener, das passte eher auf Grabo. Zumindest erfahrener als sein Bruder. Immerhin war er fast doppelt so alt wie Schaufler. Dies brachte aus Schauflers Sicht allerdings nicht unbedingt nur Vorteile mit sich. Schaufler gefiel es immer weniger, das Grabo immer den großen Macker raushängen lies. Besonders seit Grabo geschlechtsreif war und sich in die doofe Grylla verguckt hatte. Stundenlang summte er von ihr.
Mann, das konnte aber auch nerven. Und wenn sie ihr und ihren blöden Freundinnen begegneten, dann gab er immer an wie ein Sack Flöhe! Für einen Moment, nein, für den Bruchteil eines Moments, fragte er sich, ob und warum ein Sack Flöhe wohl angibt und ob er das überhaupt konnte. Oder befanden sich in dem Sack Flöhe, die angaben? Und wenn ja warum? Waren Flöhe grundsätzlich Angeber? Neigten sie zu Selbstüberschätzung und wenn ja warum?
Er kannte keinen Floh, aber er beschloss zu fragen, wenn er einen träfe. Doch da war der Moment auch schon vorbei und Schaufler hatte seinen Gedanken im selben Augenblick schon wieder vergessen. Grabo war auf eine Lehmwand gestoßen und gemeinsam stemmten sie ein Loch hinein, das gerade eben groß genug war, dass eine Maulwurfsgrille hindurch schlüpfen konnte.
Ein Insektenstaat im Vollrausch
Nach und nach kamen alle Insekten richtig auf den Geschmack – innerhalb kürzester Zeit herrschte überall ausgelassene Partystimmung.
Der Floh Ryan und sein Kumpel Hörnfried lehnten sich zurück und beobachteten das rege Treiben: Puk, die kurzsichtige Stubenfliege, hatte wieder einmal die Brille verlegt und taumelte halb fliegend, halb laufend durch die Gegend – und das, wo er doch nur auf Bewährung entlassen worden war… Ryan hoffte, dass Puk sich nicht zu sehr abschießen würde, damit nicht noch Schlimmeres passierte – schließlich kannten die Insekten die berauschende und enthemmende Wirkung des Alkohols nicht!
Als er so in die gesellige Runde schaute, stellte er fest, dass dieses seltsame Völkchen eigentlich gar nicht so verkehrt war. Selbst der General des Ameisenstaates hob seine Bierfeldflasche und prostete Ryan zu. „Feiern können sie, das muss man ihnen lassen!“, sagte Ryan anerkennend zu Hörnfried. Er sah hinüber zu Willi und musste lachen. Der Bienenjunge stellte Maja nach, indem er säuselnd lallte: „Maja, ich bin’s, mit meinem Willi!“. Dabei versuchte er fortwährend, sie zu bespringen. Es sah aus wie bei einem Ringkampf, denn Maja verstand nicht, was Willi mit ihr vorhatte und glaubte an ein Spiel – daher hopste sie ihrerseits gutgelaunt auf Willi drauf…leider hatte sie in der Aufregung vergessen, ihren Stachel komplett einzuziehen, so dass sie den armen Willi dabei beinahe aufspießte!
Bei den Drohnen Toff und Zürpel bogen sich die Fühler vor Lachen angesichts der Tatsache, dass nicht Willi, sondern Maja im wahrsten Sinne des Wortes zum Stich gekommen war…und das sonst so korrekte und spießige Trockenpfläumchen Fräulein Kassandra tanzte beschwingt mit kreisenden Hüften herum – sehr zum Wohlgefallen von Toff und Zürpel, die sprungbereit auf ihren „Einsatz“ hofften! Grinsend stießen die beiden miteinander an und schlossen eine Wette ab, wer zuerst in den Genuss von Kassandras Honigschößchen kommen würde…
Hans Christoph, der fette Brummer, schielte bereits und bekam plötzlich einen Mordshunger. Schwankend setzte er zum Flug an und nach mehreren Anläufen klappte es schließlich. Kurze Zeit später hörte man ihn dumpf rufen – er war in den Kelch einer fleischfressenden Pflanze abgestürzt und kam nun nicht mehr allein hinaus! Das halbe Insektenvolk war belustigt und stand klatschend und anfeuernd vor der Pflanze: „Einer geht noch, einer geht noch rein!“, stimmte Ryan lauthals an – bis Flip, der immer noch nüchtern war, einschritt: „Wir müssen ihm helfen!“, rief er, „Thekla, spring hoch an den Kelchrand und lass einen Faden hinab, damit Hans Christoph an ihm hinaufklettern kann!“ Gesagt, getan.
Als Hans Christoph wieder zum Vorschein kam, jubelte die Insektenschar. Doch dann sahen sie es: seine Flügel waren von dem Sirup der fleischfressenden Pflanze total verklebt und schon teilweise zersetzt, er konnte nicht mehr fliegen – aber er nahm es mit Humor: „Was soll’s, auf einem Flügel kann man eh nicht stehen!“, und soff weiter.
Puk, der das Ganze schadenfroh beäugt hatte, weil ihm der fette Brummer schon immer ein Dorn in seinen kurzsichtigen Augen gewesen war, setzte kichernd ebenfalls zum Flug an. Auch er hatte Hunger bekommen und wollte sich etwas Honig besorgen. „Hans Christoph is’ behindert, hihi…und kann nich’ mehr fliegen, haha…warum isser auch so fett, hähä…“, trällerte er höchst vergnügt vor sich hin. Mehr in der Luft taumelnd als fliegend eierte er Richtung Menschensiedlung. Da er sich zusätzlich immer noch vor Lachen den Bauch hielt und außerdem wieder einmal ohne Brille unterwegs war, übersah er das herannahende Auto und klatschte frontal gegen dessen Windschutzscheibe. Benommen blieb er auf der Straße liegen, doch schnell nahte Hilfe – Schnuck, die Libelle, verfrachtete den schwerverletzten und betrunkenen Puk ins Insektenlazarett. Nach eingehender Untersuchung stellte man fest, dass Puk aufgrund seiner eigenen Dummheit nun den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen musste…
Währenddessen ging das Besäufnis der Insekten weiter – von dem Tumult der grölenden und rockenden Masse aufgeschreckt, erschien Königin Helena. Ryan und Hörnfried wurde unwohl bei dem Gedanken, sie könne dem wilden Treiben ein Ende bereiten (schließlich wurde es gerade erst lustig!) und gingen auf sie zu um ihr ebenfalls ein Bier anzubieten.
Skeptisch, wie sie war, lehnte sie dankend ab und begab sich hoheitsvollen Schrittes zu Fräulein Kassandra: „Fräulein Kassandra, was ist hier los? Warum sitzt Puk im Rollstuhl und warum sind Hans Christophs Flügel verklebt? Und was zum Teufel ist mit Willi geschehen?“ Bevor Kassandra antworten konnte, erklang von hoch oben ein lautes:
„Yeah, ich kann fliiiieeegen!“, dann folgte ein irrer Schrei! Helena und Kassandra blickten nach oben und sahen gerade noch, wie Hieronymus, der Tausendfüßer, vom Bienenstock sprang und mit wild in der Luft wedelnden Beinchen gen Erdboden schoss. „Seit wann kann DER denn
fliegen?“, murmelte Helena ratlos, bevor sie und Kassandra zur Seite sprangen, um nicht vom fallenden Hieronymus erschlagen zu werden. „Kann er nicht, seht ihr doch!“, brüllte die tobende Insektenschar im Chor. Helena verstand die Welt nicht mehr, was war passiert in ihrem Staat? Daran konnte nur dieser merkwürdige Floh schuld sein! Sie beschloss, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Zuerst allerdings wollte sie etwas trinken und verlangte nach Wasser. „Wasssssser? Was’n das?“, lallte der General ihr entgegen und reichte ihr seine mit Bier gefüllte Feldflasche. Helena trank sie in dem Glauben, es sei Wasser, mit einem Zug leer – zu sehr hatte das alles sie aufgewühlt, sie brauchte Flüssigkeit, damit sie wie immer einen klaren Kopf behielt. „Ohoh, wenn das nur gut geht!“, meinte Hörnfried. Ryan sah Helena auf sich zukommen und ihm war klar, dass er jetzt eine verdammt gute Ausrede benötigte…kurz bevor Helena jedoch forschen Schrittes bei ihm ankam, fing sie an zu schwanken, rief noch ein: „Huch, mir wird so blümerant!“ und fiel um!
Falsch abgebogen
„Boah ey…“ staunte Schaufler, als er sich in der riesigen Höhle umschaute. „Alter…haste schon ma sooo ´ne Menge an Fresszeugs gesehen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten stürzte er los und schmatzte und schlürfte was das Zeug hielt. Grabo sah sich um. Nein, dachte er, ich habe noch nie so viel Essbares auf einem Haufen gesehen. Er war irritiert. Er war schon mehrfach in den Nahrungshöhlen seines Clans gewesen. Aber diese hier war völlig anders. Plötzlich hörte er Schritte und mit einem Schlag war ihm aller Appetit vergangen. „Schaufler, versteck Dich!“ flüsterte er so laut es ging, ohne von den Wachen gehört zu werden, doch Schaufler war zu beschäftigt, um auch nur an Grabo zu denken. Er war im Paradies. Überall Leckereien. Süßigkeiten wohin das Auge blickte und jede Menge leckere Waben und…
“Wachen! Ergreift ihn! Ein Räuber macht sich über unseren Nachwuchs her!“
Verdammt! Das war es, was ihm so seltsam vorgekommen war. Dies war keine Nahrungshöhle. Dies war eine Aufzuchtshöhle der Erdwespen1. Wie konnte das passieren? Er musste irgendwo falsch abgebogen sein und er hatte auch nicht gewusst, dass es Erdwespen so nah an den Clanhöhlen gab. Grabo beobachtete aus seinem Versteck die Erdwespenpatrouille, die seinen Bruder davon zerrte.
Oh shit! dachte Grabo, was mach ich jetzt bloß? Ausgerechnet Erdwespen. Mit denen war nicht gut Kirschen essen. Das konnte Krieg bedeuten. Grabo ließ die Fühler hängen und stützte den Kopf in die Hände.
Schaufler stolperte, als die Erdwespenpatrouille ihn unsanft in die Zelle stieß. „Kindermörder!“ schnaufte eine der Wachen und verriegelte die Zellentür.
Schaufler lag am Boden und verstand die Welt nicht mehr. Kindermörder? So´n Quatsch. Und was hatten die Erdwespen hier verloren? Er hatte doch nur mit Grabo ein bisschen Futter aus der Nahrungshöhle des Clans stibitzen wollen. Klar, das war verboten, und wenn man sich erwischen ließ, dann konnte man ganz schön Ärger bekommen. Die Königin kannte da keine Gnade. Manchmal musste man tagelang Dreck wegbuddeln oder man bekam eine Woche Süßigkeitenverbot. Aber mehr Strafe hatte man von Mutter dann doch nicht zu befürchten. Und nun war er ein Gefangener der Erdwespen. Nur warum? Was hatten die Erdwespen in der Nahrungshöhle des Clans zu suchen? Langsam dämmerte es ihm. Er war entführt worden.
„Hiiiilfe! Man hat mich entführt! Hiiilfeee!“ Schaufler schrie so laut er konnte und hämmerte gegen die Zellentür. Nichts passierte. Nach einer Weile setzte er sich in eine Ecke und lies traurig den Kopf hängen. Er, der jüngste Sohn von Königin Gryllotalpia, von den Erdwespen geraubt und eingesperrt. Ratlos raschelte er mit den Flügeln.
„Hey Du da!“ vernahm er plötzlich eine piepsige Stimme. Schaufler erschrak.
„Wewewer bibist Du?“ stotterte er ängstlich und rutschte noch ein wenig weiter in die dunkle Ecke. „Wenn Du noch weiter rutschst, sitzt Du auf mir drauf. Und dann beiß ich Dich.“ sagte die Stimme und Schaufler sprang erschrocken auf. „Ich kann Dich nicht sehen. Wo bist Du?“ fragte Schaufler vorsichtig, „Bist Du ein Geist?“ „Sei nicht albern“, sagte die Stimme und in der Zellenmitte, in die einige Lichtstrahlen der untergehenden Sonne fielen, erschien ein Floh.
„Ich bin Rentina!“, sagte der Floh und strich sich einen Fussel aus den Augen „Und wer bist Du?“ „Äh…ich….ich bin Schaufler. Und ich bin entführt worden! Hat man, hat man Dich auch entführt?“ Rentina kicherte. „Entführt? Schabernack! Ich sitze hier, weil ich der Königin in den Thronsaal geplumpst bin. Und das ist wohl höchst verboten bei diesen gelbschwarz gestreiften Flachzangen. Jetzt behandeln sie mich wie den Staatsfeind Nummer eins.“ Rentina spuckte abfällig auf den Boden. „Und Du? Was hast Du verbrochen? Ich hab´ da was von Kindermord gehört?“ „Unsinn!“, brummte Schaufler wütend. „Ich bin entführt worden, wenn ich auch nicht genau weiß warum. Setzt Dich, dann erzähl ich Dir meine Geschichte.“
Schaufler lehnte sich an eine Wand, wickelte seine Flügel um sich und begann die ganze Geschichte zu erzählen. Wie Grabo und er in die Nahrungshöhle des Clans eingebrochen waren und er mitten im schönsten Naschgelage von den Erdwespen heimtückisch überfallen und entführt worden sei. Rentina saß mit unterschlagenen Beinen neben ihm und kaute auf einem Stückchen Grashalm, das durch den Lichtschacht gefallen war. „Nun gut. Ich habe da so eine Theorie. Beschreib mir mal die Höhle in der sie Dich…äh…entführt haben. War sie groß? Ich meine nicht nur groß, sondern GROSS?“ „Jaa?“, antwortete Schaufler. „Und waren da Waben? Ich meine, jede Menge, eine riiieesige Menge Waben?“ „Äh, ja?“, Schaufler wurde mulmig. Worauf wollte sie nur hinaus? Rentina brach in schallendes Gelächter aus und kringelte sich am Boden. „Ich fass es nicht! Du hast wirklich…nein…das glaube ich nicht!“, prustete sie und bekam kaum noch Luft. „Du hast doch nicht wirklich…“ sie gackerte immer noch. Schaufler wurde immer mulmiger. Warum lachte der blöde Floh ihn aus? Was meinte sie nur? Rentina kam langsam wieder zu Atem und sah Schaufler mitleidig in die Augen. „Du kapierst es echt nicht, was?“ sagte sie ernst.
Schaufler kapierte es wirklich nicht. Aber er kapierte etwas anderes. Hatte er sich nicht gefragt ob Flöhe Angeber waren? Nun, das würde er schon noch rausfinden, aber diesen einen, den er jetzt getroffen hatte, fand er auf jeden Fall ziemlich arrogant. Eingeschnappt zog er die Flügel fester um sich und schloss erschöpft die Augen. Grabo hatte sicher schon seine Mutter und den Clan informiert und morgen kämen sie ihn bestimmt abholen. Alles würde wieder gut werden.
Schaufler begann leise zu schnarchen, während Rentina in einem schmalen Strahl aus kaltem Mondlicht saß und grübelnd ins Leere sah.
1 Auszug aus dem Großen Kompendium des Unnützen Wissens von Abu Ben Apiformes:
Vespula vulgaris, auch Erdwespe genannt, ist die am häufigsten in Mitteleuropa vorkommende Wespenart. Die enorm großen unterirdischen Nestern können bis zu 10.000 Individuen beherbergen. Es wurden auch schon Nester mit 50.000 Exemplaren gefunden! Diese Nester werden erbittert verteidigt und wenn man einem zu nahe kommt und das Volk sich bedroht fühlt, kommt es nicht selten zu einem kollektiven Angriff des gesamten gerade verfügbaren Volkes, was sehr unangenehme Folgen haben kann.
Die Geschichte von Ryan und Rentina Part 1
Rentina sah ins Mondlicht und dachte an die Vergangenheit.
Es war ein warmer, schöner Tag. Die Sonne schien und Ryan stand auf Wastls Rücken, die eine Hand um ein Hundehaar in Halsbandnähe gewickelt, in der anderen Hand ein Bier. Es war nicht das erste an diesem Tag, aber das war nichts Ungewöhnliches für Ryan. Er war ein Großmaul und meistens betrunken, aber er war ihr Freund und sie mochte ihn wie er war. Wie er auf dem Dackel stand und tat, als ob er ihn lenkte, erinnerte er sie an den jungen Paul Atreidis auf Arrakis, wie er den Sandwurm ritt.1 So hatte sie ihn das erste Mal gesehen und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Sofort zog sie zu ihm auf den Dackel und seitdem genoss sie jeden Moment ihres Lebens. Der Wind zerzauste Wastls Fell und Rentina lehnte sich zurück, genoss die Sonne und den Wind und das Gefühl zuhause zu sein. Sie beobachtete Ryan, der zwischen den wehenden Haarbüscheln, sein Bier schwenkend, den Ritt genoss, nippte an ihrem Bier und war einfach glücklich.
Sie musste wohl eingenickt sein, denn als sie wieder zu Ryan sah, konnte sie ihn nicht entdecken. Eine dunkle Vorahnung kroch in ihr hoch und machte es sich in der Magengegend gemütlich. „Ryan? Wo bist Du! Sag doch was! Ryan?“ Sie machte sich auf den Weg zum Halsband, aber von Ryan war keine Spur zu sehen. „Ryan? Wo bist Du?“ Keine Antwort. Und dort: Der Bierhumpen. Ryans Bierkrug hatte sich in Wastls Halsband verfangen. Es musste etwas Furchtbares passiert sein, Ryan würde niemals seinen Bierkrug zurück lassen. Die Angst verließ ihr gemütliches Plätzchen, streckte sich, breitete sich aus und metamorphierte, bis es diamantklare Panik war, die Rentina durch den ganzen Körper fuhr. „Oh mein Gott! Ryaaaaaaan!“
Es hatte wertvolle Sekunden gedauert, bis Rentina sich zum Halsband vorgearbeitet hatte und nun dauerte es noch mehrere Minuten sich in Wastls Ohr zu begeben und ihn zu überreden kehrt zu machen, um nach Ryan zu suchen. Wastl war alt und nicht leicht aus dem Trott zu bringen, außerdem hörte er nicht mehr gut. Als sie dann endlich umkehrten, war von Ryan nichts mehr zu sehen und obwohl sie sich heiser gerufen hatte, bekam sie keine Antwort. Traurig suchte sie sich ein warmes Plätzchen hinter Wastls Ohr und beschloss sich ordentlich voll laufen zu lassen, Ryan hätte es so gewollt.2
1 Rentina hat eine Weile in der SciFi-Abteilung der Bibliothek gewohnt, als sie mit einem Bücherwurm zusammen war, aber das ist eine andere Geschichte.
2 Alkohol ist keine Lösung *
*Auszug aus dem Großen Kompendium des Unnützen Wissens von Abu Ben Apiformes:
Alkohol im chemischen Sinne ist eine Kohlenwasserstoffverbindung mit einer OH-Gruppe. Alkohol im umgangssprachlichen Sinne ist Äthanol, eine Kohlenwasserstoffverbindung mit 2 Kohlenstoffatomen, 5 Wasserstoffatomen und der OH-Gruppe. Reines Äthanol (das Destillat) ist extrem hygroskopisch. Daher ist Alkohol im umgangssprachlichen Sinn immer eine wässrige Lösung von Äthanol. **
**also doch
Ein Plan muss her
Grabo wartete eine Weile, bis er sich absolut sicher war, dass keine Wachen mehr in der Nähe waren. Dann lief er zurück zu dem Eingang, den Schaufler und er gegraben hatten, betrat den Tunnel und verschloss sorgfältig den Durchgang hinter sich.
Der Rückweg kam ihm deutlich länger vor, als der Hinweg und das obwohl er kaum graben musste. Er machte sich schreckliche Sorgen um seinen Bruder. Lebte er noch? Oder hatten sie ihn auf der Stelle getötet? In seinem Clan würde es eine Verhandlung geben, bevor die Königin und ihr Rat ein Urteil fällten. Allerdings war er sich da bei den Erdwespen nicht sicher. Das Leben und Verhalten der Vespidae waren nicht gerade seine Lieblingsthemen in der Schule gewesen. Eigentlich hatte ihn überhaupt kein Thema wirklich interessiert, daher hatte er auch nur selten am Unterricht teilgenommen. Verdammt, dachte Grabo, was mach ich jetzt bloß? Er brauchte Hilfe. Ganz dringend. Aber von wem? Vor allem brauchte er einen Plan und er hatte nicht viel Zeit, da war er sich sicher. Plötzlich hatte er eine Idee. Wenn ihm überhaupt jemand helfen konnte, dann Grylla. Der fiel doch sonst auch immer was ein und sie war Klassenbeste gewesen.
An Königin Gryllotalpia mochte er sich nicht wenden, auch wenn sie seine Mutter war. Wenn sie erfuhr, dass er und Schaufler soeben einen möglichen Krieg angezettelt hatten und Schaufler den Erdwespen in die Hände gefallen war, würde sie sicher rot sehen und womöglich durch einen Präventivschlag noch alles verschlimmern. Sie war eine beliebte Königin, aber sie und der hohe Rat neigten gelegentlich zu fatalen Fehleinschätzungen, was die Größe und Kampfkraft ihres Clans betraf und das war schon manches Mal fast ins Auge gegangen. Nein, dachte Grabo, du musst dir selbst etwas einfallen lassen, um Schaufler da raus zu holen. Und um einen Krieg zu verhindern.
Grabo rannte durch die verwinkelten Gänge, schürfte sich die Flügel an den Wänden wund und erreichte schließlich völlig erschöpft, verdreckt und zerschlissen den Studierbereich seines Clans. Als er um die Ecke zu den Hörhöhlen schoss, knallte er direkt in Professor Gota, den er mit sich zu Boden riss. Überall lagen Bücher und segelten Blätter zu Boden. „GRABO!“, wütete der Professor. „Was fällt Dir ein?“ Verdammt, dachte Grabo, der hat mir gerade noch gefehlt. „Was jagst Du hier durch die Gänge? Bist Du noch ganz bei Sinnen? Warte bis Deine Mutter es erfährt!“ Jetzt brauchte Grabo eine wirklich schnelle und vor Allem plausible Ausrede. Ptery Gota, Professor für kulturelle und angewandte Entomologie, war etwas zu klein geraten für seine Gattung und stellte gern seine Macht zur Schau. Daher wurde er von den Studenten „Ptery, der Große“ genannt, wenn sie unter sich waren. Auch war er dafür bekannt seine Schüler und Studenten bei seiner Mutter zu verpfeifen und für kleinste Vergehen drakonische Strafen zu erteilen.
Maulwurf, dachte Grabo, die Rettung! „Ich habe Maulwurfspuren entdeckt. Ganz nah bei den südwestlichen Clanhöhlen. Ich bin gerannt, um die anderen zu warnen.“ Der Professor rappelte sich auf, strich sich den Schmutz vom Panzer und sah an Grabo hinauf. „Maulwürfe? Hier? Um Gottes Willen! Sag sofort dem hohen Rat Bescheid!“ Er raffte seine Bücher und Papiere zusammen und schoss wie ein geölter Blitz in Richtung östliche Wohnhöhlen. Grabo grinste in sich hinein. Der Professor war bekannt dafür, dass er panische Angst vor Maulwürfen hatte.
„Das hast Du Dir doch nur ausgedacht, stimmt´s?“ sagte Grylla und knuffte ihn in die Seite. „Ganz schön gemein!“ Sie lächelte ihn an. „Und effektiv!“ antwortete Grabo „ Hast Du noch Unterricht oder hast Du einen Moment für mich Zeit? Ich brauche dringend Deine Hilfe.“ „Mein nächstes Seminar beginnt in zwei Stunden.“, sagte Grylla und hängte sich bei ihm ein „Komm, wir gehen rauf zum Strand.“
The Show must go on
Schweigen trat ein auf der Klatschmohnwiese- alle schauten entsetzt auf die am Boden liegende, bewusstlose Helena. Bevor jedoch die Rettungslibelle Schnuck eingreifen konnte, bewegte sich die Königin kaum merklich; schließlich seufzte sie und öffnete die Augen. Verwirrt schaute sie sich um. Sie fühlte sich leicht wie eine Feder, sorglos und frei – lächelnd begann sie im Liegen zu singen: “Schön ist es, auf der Welt zu sein, sagt die Biene zu dem Stachelschwein…” Ryan und Hörnfried blickten sich an, und Hörnfried fragte vorsichtig, ob man vom Bier etwa eine Persönlichkeitsstörung bekommen könne? Ryan antwortete auf seine typisch schnodderige Art, dass das unmöglich sei. Im Gegenteil, so führte er weiter aus, man könne eine höhere Bewusstseinsstufe erreichen, wenn man regelmäßig Bier konsumierte. Man erhielte Erkenntnisse, die für jeden Abstinenzler unerreichbar seien! Hörnfried war überwältigt vom Wissen des anderen. Es musste stimmen, was Ryan sagte, schließlich wusste er immer auf alles eine Antwort. Im Stillen beglückwünschte er sich, so einen Freund gefunden zu haben.
Helena hörte auf zu singen und seufzte erneut. Glücklich und mit verklärten Augen sah sie Ryan an und sprach trotz ihres Rauschs immer noch leicht hoheitsvoll: „Ryan, dich hat der Bienenhimmel uns ges-s-s-s-sandt! Dieses Zaubergebräu kann unserem Staat zu neuem Ruhm und Glanz-z-z-z-z verhelfen!“ Ryan fühlte sich mehr als bestätigt und stolz wie Oskar versprach er Helena, sie nach Leibeskräften bei all’ ihren Vorhaben zu unterstützen. Für einen kurzen Moment allerdings legte sich ein Schatten über seine gehobene Stimmung: er dachte an Rentina. Ob sie ihn vermisste? Bestimmt! Sie war zwar etwas naiv, aber das musste sie wohl auch sein – nur jemand, der so war wie sie, konnte es auf Dauer mit ihm aushalten. Dieser seltene Moment der Selbstreflexion verlangte ihm einiges ab, und er wollte nicht länger darüber nachdenken. So war das Leben: friss oder stirb! Und da Ryan sich selbst stets der Nächste war, verwarf er die trüben Gedanken auch sofort wieder – man würde sehen, ob und wann er und Rentina sich wiedersehen würden…
Unterdessen wurde die Feier fortgesetzt. Königin Helena befand sich mittendrin, ein Tänzchen mit dem Bienenoberst wagend. Selbst Flip ließ sich mitreißen und trank einen ersten Schluck Bier. Dann noch einen. Und noch einen. Schließlich kippte er sich mit einem fröhlichen Schnalzen vorweg das restliche Bier aus dem bunten Töpfchen auf ex in den Hals! „Hü-hüpf“, kam es kurze Zeit später mit schwerer Zunge stark verlangsamt aus ihm heraus – der normalerweise prompt folgende Hüpfer blieb jedoch aus… ein Grund für die Partymeute, in schallendes Gelächter auszubrechen, denn der Anblick des total betrunkenen Grashüpfers, wie er auf- und abfedernd versuchte, einen Sprung hinzubekommen, war einfach zu köstlich!
Ryan jedoch, im seligen Bierrausch, sinnierte weiter vor sich hin. Sein gewohnter Pegel stellte sich ein, und er zog im Geiste ein vorläufiges Resümee: Bier hatte er, sogar mehr als genug, und während er sich selbstgefällig über den nicht vorhandenen Bart am Kinn strich, kamen ihm leise erste Zweifel. Er vermisste nicht nur (s)eine Frau, sondern auch das Ritual des Fußballschauens mit Wasti und seinem Menschen in der gemütlichen Eckkneipe am Ende der einsamen Dorfstraße. Dort gab es nicht nur Bier, sondern auch genug ungewaschene Beine, deren Blut ihm fast noch besser schmeckte als das von dem trotteligen Dackel.
Aber Ryan wäre ja nicht Ryan, wenn er sich nicht schnell wieder gefangen hätte – und so entstand die wieder einmal total verrückte Idee, den Insekten das Fußballspielen beibringen zu wollen! Dann könnte er sich zurücklehnen und Bier trinkend sogar den Schiedsrichter spielen…er stellte sich vor, wie die Käfer Kurt, Peppi, Fridolin und Alois Siebenpunkt als „Hopfenheim“ gegen „Wortmund“, und damit gegen die glorreichen gelb-schwarzen Stürmer-Drohnen Toff und Zürpel, spielten. Ihm gefiel seine Idee immer besser, und so weihte er seinen treuen Freund Hörnfried, die Zecke, in seine neuen Pläne ein.
Was Ryan nicht wusste; Hörnfried ist eine halbitalienische Zecke (auch wenn es vom Namen nicht vermuten würde) und sprang sofort auf die Idee mit dem Fußball an, was noch durch das leicht benebelte Hirn des Bieres verstärkt wurde. Er war mit Fußball aufgewachsen und kannte sich da bestens aus. Seine Familie spielte seit Generationen in Italien. Somit wurde er von Ryan zum Trainer der bevorstehenden Mannschaft auserkoren.
Jetzt kehrte auch langsam Ruhe ein auf der Klatschmohnwiese. Die letzten Betrunkenen, die noch taumelt den Weg zu Ihrer Wabe suchten, grölten noch einige Lieder, aber das verhallte langsam in der Ferne.
Ein Plan für Schaufler
Grylla hing bei Grabo im Arm, glücklich, ihn wiederzuhaben und plauderte auf ihn ein.. sie merkte bald, dass Grabo sehr still war und fragte ihn, ob sie sich beide zu ihrer Bank am See begeben sollten, auf der sie so gern saßen. Grabo nickte und so begaben sie sich dorthin. Die Sonne schien und warf bizarre Schatten durch die Bäume auf das Wasser. Grabo erzählte davon, wie sein Bruder in den Knast bei den furchtbaren Erdwespen geraten war und Grylla hörte zu. beide waren sehr still und grübelten…
Plötzlich sprang Grylla auf, umarmte Grabo und sagte “ich hab’s”… Grabo war skeptisch, weil er so gar keinen Plan hatte, was zu tun sei… Grylla setzte sich wieder und begann atemlos zu erzählen… “ich weiß, dass die Ameisenlegion einst einen jungen Erdwesperich festgenommen haben, weil der sich total bekifft in unflätiger Weise der Königin Helena genähert hatte. er hatte lange keine Freundin mehr und als er die schöne Helena sah in seinem Rauschzustand, ist es mit ihm durchgegangen und er hat ein paar nicht besonders feine Wörter benutzt, um seine Zuneigung zu Helena zu zeigen… ich glaube, der sitzt immer noch im Insektengefängnis. vielleicht können wir mit Königin Helena reden und einen Austausch der Gefangenen vorschlagen… aber, wir machen einen Deal wegen der besonderen Schwere des ´Vergehens von dem Erdwesperich… alle, die mit Schaufler in der Zelle sitzen, werden freigelassen und dafür kommt der Erdwesperich auch frei, was meinst Du???”… Grabo war sprachlos, so etwas hätte er seiner heimlichen Angebeteten niemals zugetraut… Grylla sprang auf und schlug heftig mit den Fühlern…” ich glaube, das kann klappen” zirpte sie und schaute Grabo an… der hatte Sternen in den Augen und sein Blut sackte etwas tiefer… “Gggrylla, stotterte er, Du bist wundervoll”… Grylla blickte verliebt und so zogen sie los, die Königin von diesem Plan zu überzeugen…
Anpfiff
Ryan schlug sich auf die Schenkel und brüllte aufgeregt Richtung Hörnfried, der den Pass auf die Stürmerdrohne Toff spielte – es war DIE Schlüsselszene in den finalen Spielminuten seiner Jungs gegen die herausfordernde Mannschaft aus Hörnfrieds Heimat Italien. Dieser war es auch gewesen, der das Ganze dingfest gemacht hatte – die alten Kontakte waren nicht tot, bestenfalls etwas eingeschlafen, aber dass der Zusammenhalt italienischer Familien groß ist, konnte er damit einmal mehr unter Beweis stellen.
Die Gäste waren den gerade erst „fußball-angelernten“ Insekten ziemlich überlegen, aber dennoch zeigte der aktuelle Spielstand ein 0:0. Toff rannte auf das Tor zu, als gäbe es kein Morgen, den Ball eng am Mann führend. Der italienische Abwehrspieler, die Großzecke Maldini, raste wie ein wildgewordener Stier auf Toff zu und zog die sehr brutale Notbremse – mit gestrecktem Bein trat er Toff aus vollem Lauf in den Rücken! Alles schrie nach Strafstoß und roter Karte, zu Recht, Ryan tobte, Toff schrie vor Schmerz, Hörnfried stieß wilde italienische Flüche aus, die Zuschauer brüllten – aber der Schiedsrichter hatte Tomaten auf den Augen, er entschied auf Freistoß! Ryan glaubte, sein Herz müsse stehenbleiben, so sehr regte er sich auf und wurde prompt verwarnt. Ein weiterer Moment des Zitterns, als der Freistoß getreten wurde und der Ball nur knapp über die Mauer geschossen vom sehr guten
Torwart der Gäste, Buffon, gehalten wurde. Abstoß, dann der Abpfiff. Ryan schloss die Augen…im behelfsmäßigen Stadion, dass die Insekten errichtet hatten, brodelte es. Ryan spürte etwas Nasses in seinem Gesicht, und bevor er realisieren konnte, was es war, hörte er ein undeutliches Geräusch. Er schlug die Augen auf und sah über sich Flip in einem Baum kauern, ein Bein um ein Blatt gewickelt, laut schnarchend und dabei sabbernd – das tropfte ihm, dem Meistertrainer Ryan, mitten ins Gesicht! Er sprang auf und war verwirrt…Gedankenfetzen schossen durch sein Hirn, er hatte gewaltigen Durst, es hämmerte in seinem Kopf, eine Stimme summte einen Song von den Doors und Ryan kamen die Pforten der Wahrnehmung in den Sinn….seine Augen wirkten verklärt, aber stetig kam Licht ins Dunkel – wo waren die Spieler? Wo die Fans? Und überhaupt, was war passiert?
Und jetzt begriff er endlich, dass er alles nur geträumt hatte…es hatte kein Spiel gegeben! Aber wie besagte eine alte Flohweisheit des heiligen Flohbuddhas? Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, und was nicht ist, kann ja noch werden! Er schaute sich um. Einsam und verlassen schien es auf der Klatschmohnwiese. Nur hier und dort erklang ein Schnarchen, Murmeln, Stöhnen und Seufzen – die holde Insektenschaar im Alk-Koma, dachte Ryan spöttisch. Alk? Genau, wo war eigentlich das Bier? Er musste am besten gleich zum Frühstück eines trinken, schließlich sollte man mit dem wieder anfangen, womit man zuvor aufgehört hatte – ebenfalls eine sehr alte Flohweisheit. Er war aber auch ein sehr gebildeter Floh, das musste er selbst feststellen. Ein Überfloh sozusagen! Selbstverliebt grinsend schnappte er sich den nächsten herumstehenden, noch halbvollen Biertopf und genehmigte sich einen großen Schluck des Grundnahrungsmittels schlechthin. Dann machte er sich auf die Suche nach Hörnfried – der konnte ja nicht vom Erdboden verschluckt worden sein!
Ein Zirpen und Summen ließ ihn innehalten und aufhorchen. Kamen die Soldaten? Nein, das waren nicht ihre Schritte, die kannte er inzwischen. Vorsichtshalber verdrückte er sich hinter einen Baum, um versteckt einen Blick auf die Ankommenden zu erhaschen. Stimmengewirr. Undeutliche Worte… “Königin Helena“ ….“freilassen“….“Gefängnis“…was wollten die Unbekannten hier? Er musste seine neuen Freunde warnen, schließlich hatte er es gut bei ihnen, jedenfalls seit neuestem, und das sollte eigentlich auch so bleiben…
Schaufler kommt frei…..
Nachdem Grylla und Grabo sich ausgiebig besprochen hatten, machten sie sich auf den Weg zu ihren Freunden, um diese zu mobilisieren.
In der Zwischenzeit hatten sich alle von dem Fest auf der Klatschmohnwiese erholt und waren wieder ansprechbar. Grylla schlug vor, zuerst Maja und Willy aufzusuchen, um sie für den Plan zu begeistern. Gesagt, getan, sie fanden Maja und Willy auf einer großen Wiese voller Sonnenblumen, wo die beiden von Blüte zu Blüte summten und Spaß hatten, weil Willy fast immer in den Blütenkelch hineinplumpste und voller Staub herauskam.. er entschuldigte sich dann immer mit “Maja ich bin schooo müde”.
Grylla zirpte leise, um auf sich aufmerksam zu machen und Maja entdeckte sie schließlich und fragte, was Grabo und sie herführten. Grabo erzählte die Geschichte vom armen Schaufler, der nun schon so lange gefangen war. Willy bekam große Augen und seine Müdigkeit verschwand, er sagte immer nur “schhh, schhh”… Maja und Willy waren sofort mit von der Partie, sich zu Königin Helena zu begeben und so sammelten sie unterwegs noch alle anderen ein, die auf der Klatschmohnwiese dabei waren, inklusive Ryan So begab sich die ganze Korona zur schönen Königin Helena und riefen laut vorm Schloss “Helena, mach auf, wir brauchen Deine Hilfe”.
Zuerst tat sich gar nichts, aber dann kam der Oberst der Ameisenarmee und fragte, was dieser Krach zu bedeuten hätte, ob es eine Revolution gäbe. Nachdem er unterrichtet war, um was es geht, begab er sich zu Königin Helena, um Bericht zu erstatten. Helena war in der
Zwischenzeit auch wieder ernüchtert, aber der Rausch hatte ihr so einiges in den Kopf gebracht und sie sah klarer.Sie musste immer an den armen Erdwesperich denken, der ja eigentlich nur seine Zuneigung offenbart hatte und dafür nun schmorte und hatte sie ein schlechtes Gewissen Darum war sie sofort interessiert, als der Ameisenoberst ihr von dem armen Schaufler berichtete, der nur durch einen Austausch gerettet werden könne. Sie bat, eine Delegation zu ihr vorzulassen und so kamen Grylla, Grabo und Maja zu ihr. Alle berieten sehr lange, dann war klar, wie zu verfahren sei. Helena zog ihre schönsten Klamotten an, nahm etwas von dem Bier in einem wunderschönen Blütenkelch sowie den Erdwesperich mit (der sehr kleinlaut war nun, da er nicht mehr bekifft ) und begab sich zur Königin der Erdwespen. Diese musste Helena vorlassen, da beide gleichen Blutes waren… so verhandelte Helena sehr lange mit ihr, zeigte den Erdwesperich Hinrich und stellte ihre Forderungen. Die Königin der Erdwespen war anfangs nicht erbaut von dem Austausch, da Hinrich aber ein guter Arbeiter und außerdem ein sehr hübscher Erdwesperich war und auch aufgrund der Tatsache, dass Helena ihr von dem Bier zu kosten gab, wurde ihr plötzlich leichter ums Herz und auch im Rüssel und so stimmte sie schließlich der Forderung, dass Schaufler und alle anderen in seiner Zelle entlassen würden, mit einem leichten Hicksen zu. Eine Bedingung stellte sie allerdings. Sie sei ein großer Fußballfan und wolle ein Fußballspiel der Erdwespen gegen den Insektenstaat. Helena fand das ok und so ließ die Königin der Erdwespen den armen Schaufler und Rentina frei.
Wiedersehensfreude vs. Fußball
Rentina hüpfte so schnell sie konnte auf Ryan zu – überglücklich, ihn endlich wiederzusehen. Als sie atemlos bei ihm ankam, musste sie enttäuscht feststellen, dass er sie gar nicht richtig wahrnahm; zu sehr war er mit den Vorbereitungen des Stadionaufbaus und dem Zusammenstellen „seiner“ Mannschaft beschäftigt. Erst, als ihn sein zum Assistenztrainer beförderter Kumpel Hörnfried auf die nervös herumzappelnde Rentina aufmerksam machte, registrierte Ryan, wer da vor ihm stand. „Rentina, meine Süße, wo kommst du denn her? Komm her, lass’ dich umarmen!“, sprach’s und war in Gedanken bei der Frage, ob er seine Jungs lieber manndeckend mit Libero und Vorstopper spielen lassen oder die raumdeckende Variante mit einer Viererkette bevorzugen sollte…
Rentina kannte diesen „abwesenden“ Blick schon, wenn es um Fußball ging – Ryan ging total darin auf, was sie einerseits bewunderte, andererseits aber auch hasste…egal, was sie in so einer Situation auch tun würde, selbst wenn sie sich nackt vor ihm räkeln würde – läuft ein „wichtiges“ Spiel, war mit Ryans unterer Körperhälfte nichts los. Den Rest erledigte meist das Bier…
So seufzte sie nur und ließ einen seiner üblichen Monologe über Spielsysteme, Taktik, Abwehrverhalten usw. über sich ergehen. Sie hatte nie begriffen, was ihn daran so faszinierte, wenn 20 Spieler hinter einem Ball herliefen (dass es 2 zusätzliche Spieler gab, die nur in diesen komischen Kästen herumstanden, während den anderen die Zungen aus dem Halse hingen vor lauter Rennerei, fand sie auch total hirnrissig). Und wie es zu so äußerst seltsamen Phänomenen wie Abseits überhaupt nur kommen konnte, WOLLTE sie auch gar nicht wissen!
Als sie damals gerade erst zu ihm auf den Dackel gezogen war, hatte sie sich panisch in der Unterwolle versteckt, als Ryan urplötzlich während eines Spiels „Schwalbe, Alter!“ brüllte, weil sie dachte, da käme wirklich so ein komischer Vogel und fräße sie alle beide auf…bei dem Versuch, Ryan zu „retten“, herrschte der sie aber nur an, sie solle aufhören, sich so albern zu benehmen! Dieser und weitere Vorfälle hatten zu ihren ersten Streitigkeiten geführt. Noch heute zuckte sie innerlich sobald er anfing herumzubrüllen, und Ryan machte sich üblicherweise einen Spaß daraus, sie mit einem lauten „Schwalbe, buh!“ zu erschrecken, wenn sie gedankenverloren neben ihm saß und verträumt an romantische Candle-Blut-Dinner mit ihm dachte…
Ryan war sich sehr wohl bewusst, dass er Rentinas Nerven gewaltig strapazierte, aber letzten Endes musste sie doch einsehen, dass er, Ryan, einfach der Allergrößte war! Und bald auch noch wirklich ein Meistertrainer! Nicht so wie in seinem Traum, nein, er würde dafür sorgen, dass der Bienenstaat ein absolut unvergessenes, rühmliches Spiel ablieferte! Hörnfried räusperte sich neben ihm und fragte, ob das Spiel im Notfall durch ein Golden Goal entschieden werden solle, und Ryan antwortete sofort mit lauter Stimme: „Golden Goal ist scheisse. Man weiß nie, ob man sich noch ein Bier holen soll!“ Das klang einleuchtend, fand Hörnfried und nickte zustimmend.
„Ich glaube, ich hab’s“, rief Ryan, gedanklich voll in seine künftige Mannschaftsaufstellung vertieft, Rentina zur Seite schiebend. Diese wurde sogleich von Iffi, der im Bienenstaat lebenden Grille, willkommen geheißen und über Schaufler ausgefragt, der Iffi sehr gut gefiel…ein schnittiger Hüpfer eben! Ryan war dies nur recht, so hatte er seine Ruhe.
„Ich werde auf jeden Fall die beiden Drohnen Toff und Zürpel zu Stürmern machen, die haben das nötige Potenzial. Aber im Mittelfeld hab ich noch ein Problem“, sprach er mehr zu sich selbst als zu den Anwesenden. Dann wandte er sich an Hörnfried: „ Du hast doch immer noch gute Kontakte zu internationalen Fußballgrößen, oder? Wie wär’s, wenn du uns für dieses Spiel die Mittelfeldmotorbiene Zzzidane ausleihst?“ Ryan wurde immer aufgeregter bei diesem eigentlich spontanen Gedanken. Ohne Hörnfrieds eingeworfene Bedenken, Zzzidane’s Club Real Madrid könne etwas dagegen haben, da sie zur Zeit viele Pokalspiele zusätzlich zur laufenden Saison zu absolvieren hätten, schnappte Ryan sich ein herumliegendes Blatt und kritzelte mit einem Ästchen seinen vorläufigen Kader darauf. Plötzlich sah er stirnrunzelnd auf. Wo sollte er mit Willi hin? Königin Helena hatte darauf bestanden, dass Willi mitspielen sollte, damit aus ihm endlich mal ein richtiger Kerl, wenn nicht sogar eine Drohne, würde. Nur die Wahl der Position hatte sie Ryan überlassen. „Das olle Weichei, und langsam isser auch noch, so eine Scheisse“, murmelte Ryan vor sich hin. Da er sich mittlerweile dazu entschlossen hatte, seine Jungs 4-4-2 spielen zu lassen, hielt er die Abwehr für die beste Wahl…Pest oder Cholera, Sekt oder Selters…als Stürmer kam der keinesfalls in Betracht und als Spielmacher im Mittelfeld? Zum Totlachen, dieser Gedanke, stellte er abfällig fest. Fürs Tor hatte er ja Olli, der sich als echte Weltklasse bei den ersten Auswahltrainings gezeigt hatte. Es blieb ihm eigentlich für Willi nur die Abwehr. Dafür hatte er mit Terry und Berti richtige Terrierbienen in der Viererkette, das konnte gutgehen…der 4. Mann war noch nicht gefunden, da musste er sich etwas überlegen…vielleicht konnte Hackenhauer einspringen, der Gute ist zwar schon etwas älter, aber eine immer noch sehr flinke Drohne. Neben Zzzidane im Sturm würde die Tigerbiene Zzzeffe mit dem gelb-schwarzen Irokesen spielen – Ryan freute sich, alles nahm immer mehr Gestalt an, und er genehmigte sich einen großen Schluck Bier, seinem Lebenselixier. Er hatte gehört, dass die Erdwespen ein großes Geheimnis um ihre Aufstellung machten – das wollte er genauso halten. Das Blatt, auf dem er seine bisherige Aufstellung notiert hatte, vertraute er nur Hörnfried an, seinem treuen Assi.
Er ließ seinen Blick auf der Klatschmohnwiese umherschweifen und beobachtete das emsige Treiben der Ameisen beim Stadionaufbau. In Sachen Organisation und Präzision waren sie unübertroffen – es entstand ein modernes, großes Stadion, das sogar über eine V.I.P.-Lounge und mehrere Tribünen verfügte. Es würde ein ganz großes Spiel werden, keine Frage! Als Stadionsprecher wurde einstimmig Flip auserkoren, der sich mit der für ihn typisch näselnden Stimme bedankte und sich umgehend geehrt in das große Fußballkompendium vertiefte, damit er das Spiel fachlich einwandfrei kommentieren konnte.
Nur mit Hieronymus gab es noch ein Problem. Der Tausendfüßer war einmal auf einem Sixpack Bier sitzend in eine Kneipe geraten (dass es eine Kneipe und ein Sixpack Bier gewesen sein mussten, hatte Ryan ihm erklärt, nachdem Hieronymus ausführlich von seinem damaligen Erlebnis erzählt hatte) und hatte dort sein bisher einziges Fußballspiel im TV gesehen. Soweit, so gut. Aber leider raste während dieses Spiels 3x ein sog. Flitzer splitterfasernackt über’s Spielfeld und Hieronymus glaubte nun felsenfest, das gehöre zu
einem richtigen Spiel dazu und wollte unbedingt diesen „Job“ übernehmen…Ryan schüttelte sich bei dem Gedanken, einen nackten Hieronymus mit wehender Banane flitzen zu sehen. Beinahe schlecht wurde ihm bei dem Gedanken!
Wenig später war es dann endlich soweit: das Stadion war gebaut, die Mannschaft perfekt aufgestellt (über Willi sah Ryan für einen Moment gnädig hinweg, weil der Deal mit Zzzidane geklappt hatte) – das ganze Insektenvolk freute sich auf’s Spiel, wenn auch Maja, Iffi, Rentina und einige andere während der Fußballseminare, die Ryan vor ihnen abgehalten hatte, unablässig getratscht und rumgekichert hatten. Ryan hoffte, dass zumindest ein Teil dessen, das er ihnen beibringen wollte, hängengeblieben war – nicht, dass sie etwa im „falschen“ Moment jubeln würden…ach, er machte sich auch einfach viel zu viele Gedanken, sagte er sich schließlich. Morgen war es endlich soweit! Die Spielerbienen und Drohnen hatten striktes Bier- und Sexverbot und lagen schon in ihren Waben. Das hatte zuvor auch lautstarke Diskussionen, vor allem mit Zzzeffe gegeben, der der Meinung war, kein Alkohol sei auch keine Lösung, aber Ryan hatte sich durchgesetzt (wenn er Zzzeffe innerlich auch aus vollem Herzen zustimmen musste). Der Rest des völlig aufgedrehten Insektenstaates gönnte sich in großer Vorfreude noch ein Töpfchen Bier vor dem großen Tag, bevor auch sie in ihre Waben einkehrten.
Ein Sommermärchen
„Das Abschlusstraining gestern ist ja schon mal fast perfekt gelaufen“, sagte Ryan am nächsten Morgen zu Hörnfried. Rentina schlief noch – das tat sie gern und ausgiebig. Sollte sie auch, schließlich hatten sie und die anderen Mädels genug Fanschals und -mützen, kleine Fähnchen und sonstige Fanutensilien hergestellt, dass der gesamte Insektenstaat damit ausgestattet werden konnte. Stolz blickte Ryan wieder einmal selbstgefällig um sich – das alles hatte ER möglich gemacht! Er war ein Held. Der reinste Nationalheld im Bienenland…er rülpste laut und vernehmlich, weil er glaubte, dass ihn dieses Verhalten als „ganzen Kerl“ dastehen ließ und boxte Hörnfried übermütig in die Rippen. „Alter, das geht! Ey, kipp’ auch noch n Bier, heute muss die Motivation absolut stimmen!“ Hörnfried griff sich einen kleinen Topf mit Bier, und während sie auf Ryan’s Genialität anstießen, sahen sie sich verschwörerisch in die Augen. Ryan spürte, wie das kühle Bier seine Kehle hinab rann und genießerisch schloss er für einen kurzen Moment die Augen, bis er plötzlich neben sich die Stimme von Maja hörte: „Duuuu, Ryan? Was ist Abseits?“ Ryan seufzte. Das hatte er geahnt. Es musste einfach passieren, warum nur begreifen Frauen die Abseitsregel nicht?!? Ok, es gab Ausnahmen, aber die waren viel zu selten, und irgendwas konnte mit denen auch nicht stimmen, seiner Meinung nach. Genauso auch Frauenfußball, tz…darüber wollte er gar nicht erst anfangen nachzudenken! Also sagte er wegwerfend zu Maja: „Das musst du nicht wissen! Ist ganz normal, ehrlich! Das liegt daran, dass Männer ein um 100μg schwereres Gehirn haben – da ist die Abseitsregel drin!“ Klugscheisserisch sah er Maja ins Gesicht, die mit einem Stirnrunzeln ratsuchend seinen Blick erwiderte. Verwirrt schlug sie jedoch kurz danach die Augen nieder und murmelte im Weggehen vor sich hin. Hörnfried und Ryan brachen in wildes Gelächter aus, sich gegenseitig auf die Schultern klopfend. Eine schneidende Stimme ließ die beiden jedoch aufschrecken – Königin Helena, Fußballexpertin herself, hatte alles mitbekommen und war auf’s Höchste empört: “Ryan, du lästerst über Frauen?” Ryan konnte es nicht lassen, ihr eine schnippische Antwort zu geben, denn ihr hoheitsvoller Ton passte ihm ganz und gar nicht: “Wir lästern nicht! Wir beobachten, analysieren und bewerten!” Danach duckte er sich lieber, denn die Königin hatte sein Schicksal in der Hand, das war ihm klar, und er wollte es sich ja eigentlich auch gar nicht mit ihr verscherzen…doch Königin Helena verwarnte ihn glücklicherweise nur und erleichtert atmete er auf.
Die Gegner hatten sich gut aufgestellt, als Ryan jedoch den Namen des fast schwarzen Wesperichs hörte, wunderte er sich…den komischen pummeligen Blanko hatte er doch neulich erst in Wacken gesehen! Musste der Kerl eigentlich auf jeder Hochzeit tanzen? Aber er sah ihn nicht als Problem für seine Jungs, da machten ihm die anderen auflaufenden
Spieler viel größere Sorgen…er hörte nämlich gerade, wie Stadionsprecher Flip laut durch ein zusammengerolltes Blatt als Megaphon sprechend die einzelnen Namen verlas:
„Im Tor bei den Erdwespen steht Uli! Die Abwehr bilden Wesperich Blanko, der Knast-Kämpfer Hinrich, Andi Bremse und die kleine Rennwespe Philipp Warm! Weiter geht’s mit dem Mittelfeld: Zzze Roberto, die Riesenbabywespe Randy Wöller, Felix Sabbat und mit der Nr.10 sowie der Kapitänsbinde – Loddar Fantastäus! Das Stürmerduo bilden Kloppo und Kalle Rumgesimse!
Weiter geht es mit dem Kader des Bienenstaates: Hier steht unser Olli im Tor! In der Abwehr kämpfen Willi, die Terrierbienen Terry und Berti sowie der geniale Hackenhauer! Der Motor des Mittelfeldes und Kapitän, mit der Nr.10, Spielmacher Zzzidane! Ebenfalls im Mittefeld spielen Tigerbiene Zzzeffe, die Kopfballmonsterbiene Horst und die Rennbiene Litti! Im Sturm laufen die zurzeit besten Stürmerdrohnen Toff und Zürpel auf!
Liebe Fans, freuen wir uns also auf ein spannendes und faires Spiel zwischen den beiden Staaten…“
Flip wollte gar nicht mehr aufhören zu reden, und Ryan merkte, wie ihm langsam aber sicher der Kamm schwoll und kippte sich gleich noch ein Bier in den Hals. Auch im Team der Erdwespen wurde bereits getuschelt. Man hörte, wie sich Loddar und Felix Sabbat ein Wortgefecht darüber lieferten, ob Zzzidane üblicherweise in Madrid oder in Mailand spiele – in einem kurzen Moment der Stille platzte es aus dem Babyface Randy Wöller, der eigentlich nur schlichtend eingreifen wollte, heraus: „Mailand oder Madrid – Hauptsache, Italien!“ Irritiert schauten ihn alle an, und einige überlegten im Stillen, ob Randy sich etwa nicht an das Bierverbot gehalten hatte…
Flip schloss währenddessen endlich seine Ausführungen, und Ryan beruhigte sich. Der Schiedsrichter pfiff das Spiel an, und sofort stürmten die zischenden und gefährlich summenden Bienen und Wespen los. Erst sah es so aus, als würde das Ganze im Chaos enden, weil Wesperich Loddar nur Augen für die auf der Tribüne sitzende schöne Königin Helena hatte, Rennbiene Litti über seine O-Beine stolperte, Philipp Warm verstohlen, aber unablässig die sexy Drohne Zzzidane betrachtete, sich die beiden Terrierbienen Terry und Berti gegenseitig jagten, und Willi sich einfach unerlaubt vom Platz entfernte, indem er sich an der Seitenauslinie ein kleines Schläfchen gönnte. Mittendrin erschien plötzlich der humpelnde, tatsächlich nackte Hieronymus! „Oh Mann. Wenn er wenigstens nicht humpeln würde“, kicherten Iffi, Rentina & Co. Das Humpeln rührte von seinem Sturz im Suff, als er dachte, er könne fliegen…dabei hatte er sich den großen Zeh seines 36. Fußes gebrochen…Ryan war entsetzt und sprang genervt auf. Er brüllte, was das Zeug hielt, der Schiedsrichter wusste nicht, was er zuerst pfeifen sollte – jetzt gab es auch noch Zoff zwischen den beiden Torhütern! Olli provozierte Uli, woraufhin der sein Tor verließ, damit er dem Gegner die Meinung sagen konnte. Kaum angekommen, zog Olli ihn auch schon am Ohr, und nachdem Uli sich befreit hatte, verpasste er Olli einen Fausthieb! Der Schiri sah es, ließ das Spiel aber weiterlaufen, denn Zzzidane war auf der anderen Seite nach einer sensationellen Flanke mit dem Ball auf direktem Weg zum leer stehenden Tor – und haute ihn rein! Jetzt tobten auch die Fans, Flip jubelte durch sein Megaphon: „Tooooor! Jaaaa! Liebe Zuschauer, wenn man keine Tore macht, ist es ganz schwer, ein Spiel zu gewinnen!“ Ryan war verblüfft, seine Mannschaft berappelte und formierte sich allmählich, die Erdwespen hatten ein gefährliches Glitzern in ihren Augen, und Kapitän Loddar brüllte motivierend auf seine Kameraden ein:“ Leute, wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken!“
Blanko verstand jetzt keinen Spaß mehr und weigerte sich, weiterhin in der Viererkette mitzuspielen, bis Felix Sabbat ihm Prügel androhte…
Zzzeffe, seinerseits genervt von dem Theater, lief zu Willi, rüttelte ihn wach, zeigte ihm den Stinkefinger und befahl dem noch Gähnenden, auf seine Position zurückzukehren und mit den anderen Abwehrspielern rauszulaufen, wenn eine Abseitsfalle gestellt werden sollte. Willi verstand nur Bahnhof und jammerte, dass ihm die Beine wehtäten und er sooo müde sei. Zzzeffe sah plötzlich aus wie ein wilder Tiger. Nicht umsonst hatte er den Spitznamen „Tigerbiene“, und Willi bekam es mit der Angst zu tun. Der Typ konnte einen zerquetschen, davon war er überzeugt. „Ok“, versprach er dann gedehnt, „ich renne mit…“ Zzzeffe sah ihn böse an und warnte ihn, es ja nicht noch einmal zu wagen, sich während des Spiels auszuklinken.
In der 38. Spielminute kehrte also endlich Ordnung ein ins Spiel. Die Mannschaften spielten konzentriert einen schnellen, offensiven Fußball, stellten sowohl Ryan und Hörnfried als auch die beiden Königinnen fest. „Angriff ist die beste Verteidigung!“, tönte Ryan bierselig, und Hörnfried feuerte den nach vorne stürmenden Zzzidane an, der den Ball mit einem direkten Pass auf die Stürmerdrohne Toff spielte. Zürpel konnte das super Zuspiel jedoch nicht nutzen und in einen Torschuss verwandeln, da ihm Blanko in die Quere kam. Dieser gebärdete sich wie ein wutschnaubender Stier und tänzelte dämlich um ihn herum, versperrte ihm den Weg und bleckte seine Zähne dabei. Der Schiri hatte beschlossen, von nun an hart durchzugreifen und zeigte Blanko gelb. Der konnte das gar nicht nachvollziehen und nahm den Schiri gleich mit den Worten: „Mann! Wir Schwatten müssen doch zusammenhalten!“ in den Arm…der Schiri schüttelte das lästige Insekt ab und sah ihn scharf an. Da begriff Blanko, dass dem Schiri anscheinend ebenfalls der Spaß vergangen war.
Der Spielstand zeigte immer noch ein 1:0 für die Heimmannschaft der Bienen, als nach 10 Minuten Nachspielzeit für die vielen Unterbrechungen zur Halbzeit gepfiffen wurde.

Noch vor dem Spiel:

Auch Schauffler sah die, na ja einseitige Wiedersehensfreude von Rentina und Ryan auf der Klatschmohnwiese. Er fragte sich, was Rentina nur an diesem Ryan so toll fand, der sie noch nicht mal richtig beachtete. Dann sah er Grabo. Beide stürmten aufeinander los und ließen Ihre Bäuche aneinander krachen und klatschten sich mit den Fühlern ab. Schauffler fragte, was denn hier los sei und Grabo berichtete von dem Stadionbau und dem bevorstehenden Spiel zwischen den Bienen und den Erdwespen.
Schauffler, der selber jahrelang in einen Verein spielte und zudem im Knast bei den Erdwespen so einiges an Informationen sammeln konnte, da er die Wärter bei Ihren Gesprächen belauschte, ahnte fürchterliches. Er hatte auf dem Weg zu seiner Zelle Nahrungshöhlen entdeckt, die komisch beschriftet waren. “Andere Völker, andere Sitten:” dachte er beiläufig, während er auf den Schildern Wörter wie “Grashoppers”, “Red Ants” oder “Hopfenheim” las. Jetzt war ihm klar, dass dies die Mannschaften waren, die gegen die Erdwespen gewonnen hatten.
„Grabo“, flüsterte er, „die Erdwespen müssen gewinnen. Als ich die Gespräche der Wärter mit anhörte, habe ich erfahren, was sie mit den Gegnern tun, wenn Sie ein Spiel verlieren! Ich möchte Dir die Einzelheiten gar nicht näher erzählen, aber es war furchtbar.“ Grabo schlug entsetzt die Fühler übereinander. „Das muss Ryan unbedingt erfahren, er muss die Bienen verlieren lassen.“ Beide suchten nach Ryan, der allerding nirgends zu finden war.
Flip schwafelte gerade etwas von „Der Ball ist rund!“ und „Schönste Nebensache der Welt!“, als Loddars tödlicher Pass Kalle Rumgesimse im vollen Lauf auf’s Tor erreichte. Eiskalt verwandelte dieser die geniale Vorlage zum Ausgleich – Maja und die anderen Mädels jubelten, Flip schrie ins Megafon: „1:1! Es hätte aber auch umgekehrt lauten können!“
Hörnfried schüttelte darüber nur den Kopf; Ryan lief hinüber zur weiblichen Fanbank, um diese darüber aufzuklären, dass soeben ein GEGENTOR gefallen sei, bei dem man(n) und auch frau! nicht zu jubeln hätten…er platzte mitten in den sinnfreiesten Monolog, den er je gehört hatte. Thekla sprach wichtigtuerisch zur versammelten weiblichen Fangemeinde: „Wenn der Schiedsrichter pfeift, kann der Mann in schwarz auch nichts mehr machen!“ Fassungslos starrte er das komische Spinnenviech an und verbot ihr den Mund, indem er laut brüllte, alles höre beim Fußball auf SEIN Kommando, und wenn sie nicht in der Lage seien, im richtigen Moment zu jubeln, sollten sie gefälligst ganz die Klappe halten. Sprachlosigkeit machte sich breit, selbst Thekla sagte vorsichtshalber nichts mehr, denn irgendwie schien der klugscheisserische Floh eine Menge guter Karten bei der obersten Heeresführung zu haben…
Das Spiel lief weiter, der nächste Angriff der Erdwespen – doch dann nahm Tänzer Blanko die Ansage seines Trainers wörtlich, der ihm befohlen hatte, die Pässe blind zu spielen. Kreuz und quer bolzte er den Ball, sobald er ihn hatte, mit geschlossenen Augen durchs Stadion. Zum ersten Mal machte sich auf Ryans Gesicht wieder ein Grinsen breit, und Hörnfried seine Rechte in dessen Magengegend boxend, sagte er zu ihm, dass dieser Blanko eher als Wespenfutter enden würde als seine Jungs. Darauf einen großen Schluck Bier! Rülpsend lehnte Ryan sich zurück und hörte, wie Flip faselte: „Es muss eine Kehrtwende geben, liebe Zuschauer, und die muss 360° sein!“
Die Erdwespen spielten den Ball schnell in die gegnerische Hälfte, und die Abwehr der Bienen bekam zu tun – nur Willi rannte mal mehr, mal weniger zügig auf dem Spielfeld herum, scheinbar orientierungslos schaute er von einem Tor zum anderen, schüttelte den Kopf, schlich in die eigene Hälfte zurück (begleitet von Flips Ansage: „Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam!“) und lehnte sich schließlich einem müden Seufzen und vor der Brust verschränkten Armen gähnend an die Eckfahne.
Dann ein Konter, Zzzidane holt sich den Ball und gibt ihn gleich weiter an die Stürmerdrohne Zürpel, der mit einem sensationellen Fallrückzieher zum 2:1 für die Bienen trifft! „Tja“, meinte Hörnfried spöttisch Richtung der gegnerischen Trainerbank, angesteckt von Ryans Größenwahn, „Was nützt die schönste Viererkette, wenn sie anderweitig unterwegs ist?“ Und wieder überfiel die beiden „Meistertainer“ der Übermut, siegessicher stießen sie mit ihrem Bier an, tranken zügig und schluckten gierig auch noch den letzten Tropfen. Grabo wurde es ganz bang ums Herz, er ahnte Grauenvolles…
Das Spiel verlor an Qualität, erste Ermüdungserscheinungen wurden sichtbar. Einwurf für die Gäste. Randy Wöller sprang dabei so hoch er konnte …falscher Einwurf! Der Schiri reagierte unverzüglich, pfiff, und als wenn er nur darauf gewartet hätte, motzte Randy sofort los. Der Mann in schwarz zog Gelb und fragte nach dem Namen. Als Randy mit: „Maier! Sepp!“, antwortete, sah der Schiri ihn erst verblüfft an, bevor er zur roten Karte griff! Heulend verließ Riesenbaby Randy Wöller unter den Pfiffen der Zuschauer den Platz…
„Sag mal, liegt Flip im Koma, oder wieso kommt von dem nix mehr?“, wollte Hörnfried von Ryan wissen. Doch diesem war es nur recht, wenn die quergelegte grüne Bohnenstange ihren Rausch ausschlief, daher winkte er nur unwirsch ab, als plötzlich ein nasales: „Da geht er durch die Beine, knapp an den Beinen vorbei, durch die Arme…“ zu hören war. Flip! „Fuck!“, entfuhr es Ryan, „…wenn man vom Teufel spricht!“ „Liebe Zuschauer“, fuhr Flip fort, „wer hinten so offen ist, der kann nicht ganz dicht sein! Noch 10 Minuten bis zum Spielende, bringen die Bienen das 2:1 über die Zeit?“
Und dann überschlagen sich die Ereignisse, Rennwespe Phillip Warm spielt den Ball auf die rechte Seite raus, Loddar Fantastäus hat viel Zeit zum Flanken und findet am zweiten Pfosten Kalle Rumgesimse, der volley in die kurze Ecke trifft! 2:2, die wild brüllende Torbiene Olli holt den Ball aus dem Netz und schießt ihn weit in die andere Hälfte. „Verdammt! Wir
haben die höheren Spielanteile, aber die Verwertung der Chancen ist mehr als mangelhaft!“, kam es schnaufend aus Ryan heraus. Hörnfried stimmte ihm wieder einmal zu.
Flip kommentierte einmal mehr auf seine typisch-wirre Art: „Am Spielstand wird sich nicht mehr viel ändern, es sei denn, es schießt noch einer ein Tor!“
Die Nachspielzeit lief bereits, als Willi aus seinem Tiefschlaf an der Eckfahne erwachte und sich noch leicht taumelnd langsam in Bewegung setzte…gähnend und mit kleinen verschlafenen Augen blickte er um sich. „Ääääh, wo bin ich? Wo soll ich hin? Was soll ich überhaupt?“, quäkte er. „Geh auf deine Position, du Lahmarsch!“, befahl Olli dem trägen Bienenfreak. „Ääääh, Position?“, und dann sah Willi nur noch einen Ball auf sich zufliegen – Fehlpass von Zzze Roberto! „W-w-w-was?!?“, kam es panisch aus ihm heraus, bevor er sich besann und angestrengt überlegte, was er mit dem runden Ding anstellen sollte…schließlich lief er halb stolpernd, halb auf- und abfliegend mit dem Ball auf das Tor seiner eigenen Mannschaft zu…“Was hat er nur vor? Rückpass?“, Ryan hoffte es mehr als dass er wirklich daran glaubte…und tatsächlich, der tollpatschige und anscheinend völlig verblödete Bienenjunge schoss ein Eigentor! 2:3! Es war nicht zu fassen! „Da schläft der die ganze Zeit, keine Biene weit und breit braucht ihn im Spiel, und dann versaut er uns alles!“, Hörnfried traute seinen Augen nicht.
Willi, der glaubte, nun würde er bald zur stolzen Drohne durch seine vermeintliche Glanzleistung, verstand den Tumult nicht, der nach dem Schlusspfiff um ihn herum losbrach. Er war in dem festen Glauben, das richtige Tor getroffen zu haben, schließlich hatte Zzzidane sein Tor zum 1:0 in der 1. Halbzeit auch in dieses hier geschossen! Er fühlte sich gemobbt und war beleidigt. Außerdem hatte er Angst vor dem gorilla-artigen Olli, der ihn ununterbrochen böse fixierte und wüst beschimpfte. Er und seine Mannschaftskameraden ahnten nicht, dass Willi mit seinem Eigentor zum Lebensretter seiner Mannschaft geworden war…
In der Kabine herrschte nach dem Spiel eine Mischung zwischen Trauerstimmung und Wut.
Alle waren sich einig, die bessere Mannschaft gewesen zu sein und nur durch ein dummes Eigentor von Willy nicht gewonnen zu haben. Ryan war während des Spieles auch dieser Ansicht, allerdings jetzt, wo sich der Adrenalinpegel gesenkt hatte, machte er sich so seine Gedanken. Er war sich nicht sicher, ob er seiner Mannschaft das von den Erdwespen erzählen sollte. Auf der anderen Seite war es auch nicht fair, dass sie so über Ihren „Retter“ herzogen.
Also nahm er allen Mut zusammen:
„Hört mal alle her“, rief er in die Runde. Alles Gemurmel und Gefluche verstummte. „Ich bin mir nicht sicher wie ich es sagen soll, aber Willy hat uns den Chitinpanzer gerettet. Die Erdwespen hassen es zu verlieren und verspeisen, wenn Sie verloren haben, Ihre Gegner. Schauffler und Grabo haben es mit eigenen Augen gesehen, als sie in der Erdwespenhöhle waren.
Absolute Ruhe herrschte in der Kabine. Mit offenen Mündern standen alle da. Zzzzidane rief:“ Seid wann wusstet Du das? Wolltest Du uns etwa nur wegen Deines Stolzes den Erdwespen zum Fraß vorwerfen?“ „Nein, ich habe es selber erst während des Spieles erfahren!“, sagte Ryan.
Der erste, der seine Worte wiederfand und direkt auf Willy zuging war Olli. „Sorry, Willy, das wussten wir nicht!“ Willy starrte ihn mit seinen großen Kulleraugen an und verstand mal wieder gar nichts, weil er die ganze Zeit drüber nachdachte, was er denn falsch gemacht hatte.
Auf einmal kamen alle Anwesenden auf Willy zu, entschuldigten sich bei ihm und Olli stemmte ihn auf seine Schulter (was bei einem Brummer wie Willy nun wirklich keine leichte Aufgabe war). Jetzt wusste Willy überhaupt gar nicht mehr was los war und stammelte nur: „ Wa-wa-wa-war das doch das richtige Tor?“ Brüllendes Gelächter brach aus, weil man auf Willy nicht über längere Zeit böse sein kann. Mit Willy auf den Schultern kamen alle aus der Kabine und draußen vor dem Stadion sahen sich alle verdutzt an, weil sie schon dachten, man würde Ihn ohne Flügel heraus prügeln.
Wieder ergriff Ryan das Wort und schrie in die Menge: „Bier für alleeeeee!“ Und schon war die nächste Party im Gange!
After Show Party
Grabo und Schauffler hatten vor dem Spiel ganze Arbeit geleistet und einen Jahrmarkt organisiert. Natürlich hatten die emsigen Ameisen unter Leitung ihres Oberst fleißig an der Umsetzung mitgewirkt und u.a. einen „Käferscooter“ geschaffen: die Käfer Fridolin, Kurt, Peppi, Alois Siebenpunkt und die anderen wurden mit Sturzhelmen und Lendenschutz ausgestattet und hatten ihren Heidenspaß daran, aufeinander loszustürmen oder einfach nur im Kreis rumzurennen – je nachdem, wie der jeweilige „Reiter“ es bestimmte. Es gab eine Schießbude mit Pfeil und Bogen, wobei die Bögen aus feinen Grasfasern bestanden. Aus den langen Blättern eines Farnes hatten die unermüdlichen Ameisen eine Achterbahn gebaut, und es gab sogar einen Bier-Ausschank, die „Schwarzbienenbude“. Pilze wurden zu Stehtischen umfunktioniert, und es duftete nach frischen Rosenblüten, gerösteten Nusssplittern, leckerem Pollen, gegrillten Kleinstinsekten, Honig und Bier.
Ryan staunte nicht schlecht – das hatte selbst er noch nie gesehen, außer im TV in der kleinen Dorfkneipe…nun war ja auch Rentina wieder da, und er fragte sich, was wohl aus Wasti und „dem Menschen“ geworden war…er sah Rentina an, wie so neben ihm saß – sie erwiderte seinen Blick aus großen Flohaugen… dann stand er auf, sie weiterhin anblickend und legte laut rezitierend und unverschämt grinsend los:
“Wenn ich Deinen Hals berühre, Deinen Mund an meinen führe, ach, wie sehn´ ich mich nach dir, heißgeliebte Flasche Bier!
PROST!“
Alles lachte und begab sich ins Partygetümmel. Die Erdwespen, die noch kein Bier kannten, waren hellauf begeistert von dem schmackhaften Gebräu – und ziemlich schnell total voll. Torkelnd machten sich Loddar Fantastäus, der die Suppe der Weisheit mit einer Gabel gegessen zu haben schien und Kalle Rumgesimse auf den Weg zum Käferscooter. Blanko hatte wieder Spaß und tänzelte angeheitert in der Schwarzbienenbude herum, und die Mädels machten sich zusammen mit Weichei Randy Wöller auf zur Achterbahn. Die beiden Torhüter Olli und Uli hatten sich versöhnt und hoben einen Bierhumpen nach dem anderen…Willi, der Olli inzwischen als seinen Beschützer ansah, schaute die beiden aus verhangenen Augen an und wurde gleich ein Stückchen größer, als er hörte, wie er von Uli „gelobt“ wurde: „Ey, Willi, Du bist zwar unnütz, aber als schlechtes Beispiel gut geeignet! Besser als Blanko, der ist zwar zu allem bereit, aber zu nichts fähig…“ Willi bedankte sich, weil er wiedermal nicht begriffen hatte, was Uli eigentlich gesagt hatte….er wollte Eindruck schinden, indem er auch mal etwas fachlich Fundiertes von sich gab und sagte altklug:“Hmmmjaaa, so ist Fußball, manchmal verliert man und manchmal gewinnt der Gegner!“ Ryan hörte Willis Satz und wandte sich kopfschüttelnd an Hörnfried: „Oh mein Gott, wenn ich den weiter aufstelle, glauben die Leute am Ende noch, ich sei schwul…“ Hörnfried
prustete los, wurde aber übertönt von einem markerschütternden, angstvollen Gebrüll – alle wandten den Kopf ruckartig in die Richtung, aus der es zu kommen schien: Heulwespe Randy Wöller war aus der Achterbahn geschleudert worden und wirbelte hicksend, plärrend und wimmernd durch die Lüfte, die Flügel dabei nicht bewegend. Es sah aus wie bei einem Flugmanöver, spiralen drehend schoss die bemitleidenswerte Heulwespe gen Erdboden! Flip, der immer noch biertrinkend gemütlich auf- und abfederte und dabei weiterhin über Fußball schwadronierte („Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel!“), gab ein ersticktes “Hmmmpf!” von sich, als Randy auf seinem Rücken landete und gleich wieder trampolinmässig in die Luft geschossen wurde! Das Spektakel lud alle Blicke auf sich, bis Königin Helena anordnete, jemand solle dem armen Randy zu Hilfe eilen. Rennwespe Philipp Warm erbarmte sich und gab Randy Flugunterstützung, bis dem vom Schwindel Heimgesuchten wieder einfiel, dass er selbst fliegen kann.
Während alle in den Himmel schauten, bemerkten sie, wie etwas blaues glitzerndes, unförmig wabernd auf sie zugeflogen kam! “PLATSCH” machte es und erstaunt sah die Insektenmeute auf einen zappelnden Fisch, der keuchend am Boden lag! “Schnell, schnell!”, rief er den Umstehenden zu, “bringt mich ins Wasser, sonst sterbe ich!” “Aber wie denn nur, du bist zu schwer, wir können dich nicht tragen! Wie bist du denn überhaupt hergekommen, kannst du fliegen?”, kam es verwundert von Maja. “Ja, in der Tat, aber nur aus dem Wasser heraus! Ich bin Kai-Pirinha, der fliegende Fisch, und außerdem hab ich Durst!” Die Insekten gaben ihm Bier – wenn es etwas gab, dass ihn durchhalten lassen würde, dann das! Willi lallte, er hätte schon immer mal wissen wollen, was “Karpfen blau” eigentlich bedeute…Ryan überlegte fieberhaft, wie man Kai-Pirinha wieder ins geliebte Nass verfrachten könne und rief den Ameisenoberst herbei. Es gab schließlich Millionen Ameisen hier, so dass sie gemeinsam vielleicht in der Lage wären, den trockengelegten Fisch wieder ins Wasser zu bringen – der Ententeich befand sich gleich um die Ecke…
Die Ameisenarmee brachte Kai-Pirinha also wieder zurück ins Wasser, und die Insekten setzen ihr Gelage fort. Völlig betrunken wollte sich Puk beim Schießen beweisen und erschoss dabei versehentlich den Betreiber – obwohl er dieses Mal sogar seine Brille trug! Die Käferscooter waren ebenfalls ziemlich breit und rasten aggressiv wie in einer Bullenarena mit ihren Reitern quer über den Platz. Rennbiene Litti lief nach seinem Abwurf vom Käferrücken noch o-beiniger, und Thekla rief kichernd in die Runde: „Warum haben die meisten Männer O-Beine? Weil das Unwichtige in Klammern steht!“
Kopfballmonsterbiene Horst hatte eine blutende Platzwunde am Kopf, weil er sich im Bierrausch mit Zzzidane angelegt und eine Kopfnuss kassiert hatte. „Irgendwie endet hier immer alles im Chaos“, sagte Hörnfried zu Ryan, „realistisch gesehen tut einigen der Alkohol gar nicht gut!“ Ryan schüttelte missbilligend den Kopf und antwortete gewohnt schulmeisterhaft: „Realität ist eine Illusion, die durch Mangel an Alkohol hervorgerufen wird. So ein Zustand ist enorm gefährlich für die psychische Gesundheit, denn nur der im Leben etwas gewinnt, dem öfter Bier durch die Kehle rinnt!“
Es Weihnachtet sehr…
Ryan saß zusammen mit dem Insektenvolk gemütlich im Inneren eines Baumes und überlegte, womit er in dieser unangenehmen Jahreszeit ein bisschen Spaß in die Bude bringen konnte. Plötzlich fiel ihm ein, dass Weihnachten nahte, wovon die ulkigen Insekten sicherlich noch nie etwas gehört hatten…
„Hört mal alle her, ich möchte euch von Weihnachten, dem größten Fest des Jahres vieler Menschen, erzählen!“
Maja, Willi und die anderen verstummten und schauten fragend auf Ryan. Der fuhr gleich fort:
„…es begab sich aber zu der Zeit, dass zwei Menschen sich auf den beschwerlichen Weg nach einem Ort namens Battleheim machten. Die in wilder Ehe lebenden Leute Maria und Josef mussten aufgrund einer Volkszählung dorthin, die der damalige Kaiser Augustus angeordnet hatte. Maria war hochschwanger und thronte wie Xanthippe auf einem Esel, während der arme Josef den ganzen Weg zu Fuß gehen musste. Maria war äußerst unzufrieden mit der Situation und fluchte wie ein Bauarbeiter, als sie Josefs gequälte Miene sah: „Bist du schwanger oder ich?!“ Das raubte dem armen Josef den letzten Nerv. Er grübelte schon seit einiger Zeit darüber nach, wie sie überhaupt schwanger geworden sein konnte – ER hatte sie nie angerührt! Doch wenn er Maria danach fragte, reagierte sie unwirsch, obwohl er das strahlende Glänzen in ihren Augen durchaus bemerkte…immer wieder kam jedoch nur die Antwort, der Heilige Geist hätte in ihr gesteckt… Josef rieb sich die Augen, er war der Diskussionen müde und poppen wollte er auch endlich! Doch so, wie Maria aussah, verging ihm schon beim Hingucken wieder alles….“
Königin Helena schnitt Ryan das Wort ab: „Nana, Ryan, übertreiben wir jetzt nicht wieder ein bisschen?“ Ryan antwortete prompt, wie immer schlagfertig: „Ich kann jetzt auch nur vermuten, wie ich das meine! Zur Realität hab ich nur sporadisch Kontakt, aber ich schwöre, genauso war’s!“ Seufzend entgegnete Helena: „Es gibt Besserwisser, die niemals begreifen, dass man Recht haben und doch ein Idiot sein kann!“
Ryan ignorierte Helenas Einwand, grinste sein unverschämtes Grinsen, nahm einen kräftigen Schluck Bier, ließ den obligatorischen Rülpser folgen und mit leicht schwerer Zunge sagte er: „Hachja, ein Bier, das nicht getrunken wird, hat seinen Beruf verfehlt! Was meinst, Hörnfried? Durst wird doch durch Bier erst schön!“ Hörnfried kicherte und meinte, dass Bier zwar keine Probleme lösen würde, aber Wasser es ja auch nicht täte…
Thekla, die mittlerweile mehr als sauer auf den arroganten, selbstherrlichen und frauenverachtenden Floh war, konnte nicht länger schweigen und fauchte Ryan an: „Hey Sprücheklopfer, ich soll dich vom Niveau grüßen…ihr seht euch ja so selten!“ Obwohl Ryan bereits in Kribbeln in sich spürte, es der blöden Spinne mal so richtig zu zeigen, besann er sich und fuhr ungeachtet des weiblichen Gelächters mit seiner Erzählung der Weihnachtsgeschichte fort:
„…nachdem Maria und Josef nun endlich in Battleheim zur Volkszählung angekommen waren, bekam Maria auch schon die Wehen und nörgelte noch mehr herum. Keine Herberge war ihr gut genug! Schließlich war es zu spät noch länger nach einer geeigneten Unterkunft zu suchen, mit letzter Kraft schleppte Josef die Gebärende in den nächstgelegenen Stall. Zwischen Stroh und allerlei Getier kam der kleine Heiland zur Welt. Er hieß so, weil sein Vater der Heilige Geist war. Den Menschen in der Stadt erschien ein Engel, der zu ihnen sprach: „Euch ist heute der Weinbrand, ähhh, Heiland geboren!“ Der Engel sah wüst aus, er hatte sich als einziger seiner Art hierher durchschlagen können, denn zahlreiche Engel vor ihm wurden vom Militär abgeschossen, weil sie zu tief flogen und damit als terroristisch eingestuft wurden.
Zeitgleich waren 3 Dealer unterwegs, um dem Neugeborenen ihre Ehre zu erweisen und es sogleich mit den Naturheilmitteln Weihrauch, Gras und Otternasen zu versorgen. Die würde es nämlich dringend brauchen, um später über den Ozean zu laufen, Wasser in Bier zu verwandeln und Menschen ohne kassenärztliche Zulassung zu heilen….übrigens war das auch damals schon ganz klar ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz…“
„Das hab ich schon mal gehört, dass Weihrauch die Einstiegsdroge schlechthin ist!“, rief Hörnfried eifrig, „und später spritzen die sich dann Gras!“ „Quatsch!!!“, kam es schnaufend
von Ryan, „ich sag immer: wenn Gedanken dich quälen als wären sie Wanzen – dann greif außer zu Bier auch zu Pflanzen! Aber egal, unterbrich mich nicht, Hörnfried! Weiter:
Die 3 Dealer kamen in dem Stall an und wurden sofort von der schlechtgelaunten Maria mit den Worten : „Wie habt ihr uns gefunden?“ empfangen. Die 3 Dealer antworteten im Chor: „Wir folgten einem Stern.“ „Sternhagelvoll seid ihr, und jetzt verpisst euch!“, schrie die völlig aufgebrachte Möchtegern-Jungfrau. Josef konnte sie allerdings beruhigen, und alsbald herrschte allgemeine Glückseligkeit. Der kleine Heiland bekam seine Drogen und vollbrachte schon als Kleinkind die ersten Wunder. Deshalb feiern die Menschen Weihnachten, immer dann, wenn sich die Geburt des Mannes, den man „Heiland“ nannte, jährt.“
Damit schloss Ryan seine Ausführungen und war gespannt auf die Reaktion der Insekten. Thekla sah ihn boshaft an und sagte:“ So, und wozu feiern die nun Weihnachten??? Es wird doch jeden Tag ein Mann geboren, der sich für Gott hält!“ Ryan wusste, dass Thekla auf einen offenen Schlagabtausch aus war, daher zog er gleich die nächste Geschichte aus dem Ärmel: „Da wäre noch die Sache mit dem Weihnachtsmann…“
„Von wem willst du uns erzählen, vom Weihnachtsmann? Wer ist denn das nun wieder? Verrückt..“, kam es verwirrt von Maja. Ryan sah auf sie herab und meinte nur mit todernster Miene, weil er wusste, dass er damit alle durcheinanderbringen konnte: „Verrückt? Ich? Nee…das hätten die Stimmen mir doch gesagt! Aber hört mir zu:
Der Weihnachtsmann ist nichts anderes als ein ehemaliger Fußballspieler, der als Profi nicht taugte, dadurch dem Suff und den Drogen verfiel und so arbeitslos wurde. Der Staat verdonnerte ihn zu einem Eurythmie-Kurs an einer Waldorfschule, und schon bald konnte er seinen Namen tanzen. Er stammte gebürtig vom Nordpol, aus einer Multikulti-Kultur von Menschen aller Rassen, Orks, Drachen, Elfen, Rentieren und anderem Gewürm. Irgendwann machte er sich auf, die Welt ein bisschen glücklicher zu machen, speziell die Kinder. Der Verdacht gegen den Weihnachtsmann, er sei pädophil veranlagt, weil er im besonderen Maße auf Kinder fixiert ist, konnte allerdings widerlegt werden. Dass der Weihnachtsmann die Häuser der Menschen nicht durch die Türen, sondern durch den Schornstein betritt, ist ihm mehrfach als Hausfriedensbruch ausgelegt worden. Diese merkwürdige Eigenart hat der Weihnachtsmann durch den Konsum von diversen halluzigenen Stoffen entwickelt. Als Beispiel sei hier nur mal das Schnee schnupfen genannt – trotz der nicht zu unterschätzenden Nebenwirkungen wie Gefrierbrand oder dem Vereisen von Gliedmaßen. Von den Wesensveränderungen ganz zu schweigen: der Weihnachtsmann leidet unter Verfolgungs- und Größenwahn sowie unter einer fast schon psychotischen Paranoia vor Hunden. Aus diesem Grund führt er immer einen Baseballschläger, in Fachkreisen ‘Rute’ genannt, mit sich. In seinem dicken Sack befinden sich nicht etwa Gaben für die Menschheit, sondern schlichtweg Streusalz. Dieses wird während der Fahrt vom Himmel hinab auf die Erde benötigt, da die Rentiere bei Hagel schlecht gucken können. Dem entstammt im Übrigen auch die Weisheit ‘jemandem Salz in die Augen streuen’.
Die Gaben, sprich: die Geschenke für die Menschen fertigen die treuen Helfer des Weihnachtsmannes an, die Elfen und Orks. Der berühmteste aller Orks ist das Christkind. Dieses ist es auch, dass die Geschenke in die Kutsche des Weihnachtsmannes verfrachtet und aufpasst, dass auch alles seinen richtigen Gang geht. Mit dem Weihnachtsmann ist da nicht zu rechnen, denn der sitzt meist Schnee schnupfend, Gras rauchend, Weihrauch schnüffelnd und Bier trinkend in seinem Sessel und sieht dem Osterhasen beim Chillen im Liegestuhl am Strand von Hawaii zu, schließlich hatte der noch ziemlich lange Pause, bis er wieder zum Einsatz kommen würde.
Weihnachten ist die Zeit der traditionellen Besäufnisse. Man nimmt eine Menge Alkohol und pflanzliche Genussmittel zu sich, die dazu beitragen sollen, dass der Heilige Geist in einen hineinfährt. Schlimm wird es allerdings, wenn er nicht wieder herausfindet…aber die
Menschheit glaubt an den Weihnachtsmann, zumindest die Kinder, und alle warten sehnsüchtig auf seine Ankunft – deshalb heißt die Zeit des Wartens auch ‘Advent’. Es ist sozusagen eine Art vierwöchige Vorbereitungsphase auf den Weihnachtsmann. Wenn es dann endlich soweit ist, versammeln sich die Familien. Hier gibt es die nahe und ferne Verwandtschaft. Wie die Beschreibung schon aussagt, handelt es sich dabei um die Familienmitglieder, die in der Nähe wohnen und die, die weiter entfernt leben. Man lädt also ungeachtet dessen seine gesamte Verwandtschaft ein, auch die, die man eigentlich nur vom Hörensagen kennt und beginnt mit dem rituellen Gruppenbesäufnis. Die Kinder werden von den familiären Backenkneifern verfolgt und haben keine Chance zu entkommen. Mit steigendem Pegel kommt es dabei nicht selten zu unschönen Verletzungen.
Wenn der Weihnachtsmann die Geschenke gebracht hat, geht der Terror erst richtig los! Die Kinder erhalten grundsätzlich lärmendes Spielzeug, das ist dem Weihnachtsmann außerordentlich wichtig. Das Lieblingsgeschenk ist die Blechtrommel, gefolgt von der E-Gitarre und Rolf Zuckowski-CDs. Die Erwachsenen schreien sich an, weil anders keine Verständigung mehr möglich ist. Alle sind aber relativ entspannt, denn die Räucherkerzen, der Weihrauch und der Alkohol zeigen ihre Wirkung. Bei den Kindern wirken die eingelegten und dann pürierten Otternasen. Dieses Fest dauert 3 Tage, und alle sind glücklich! Nicht vergessen darf man die Danksagungen für all’ die Herrlichkeiten, das nennen die Menschen „Gebet“. Was meint ihr, wäre das nicht auch etwas für uns?“, und fuhr sofort mit seiner „heiligen Ode an das Bier“ fort, wie Rentina augenrollend feststellen musste:
“Bier unser, das du bist im Glase, gesegnet sei dein Erfinder, mein Rausch komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel – so auch in der Kneipe. Unser Durst still uns heute, und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unseren Gläubigern. Und führe uns nicht in die Milchbar, sondern gib uns die Kraft weiter zu trinken, denn Dein ist der Durst, der Rausch und die Seligkeit!
PROST!”, rief Ryan in die Runde, während alle ihn mit offenen Mündern anstarrten. Selbst Thekla stand das Spinnenmaul vor Staunen offen.
Ein neues Jahr bricht heran auf der Klatschmohnwiese
Weihnachten war für alle Bewohner der Wiese ein ganz neues Erlebnis, seit Ryan mit seinen Ausführungen hinsichtlich des Weihnachtsmannes und anderen Gepflogenheiten sie überfiel.
Alle dachten zutiefst darüber nach, aber Ryan war nicht zu beruhigen und erzählte den anderen, als alle wieder bei Sinnen waren und der Bierrausch nachließ über die Rituale des Silvesterfeierns. Er sagte, das neue Jahr müsse mit Geknalle begrüßt werden, weil so die bösen Geister vertrieben würden und alle Bewohner dachten fieberhaft darüber nach, wie sie Knalle erzeugen konnten. Willy hatte die rettende Idee, dass man nur ordentlich Zwiebelsuppe essen müsse vorher, dann würde das schon klappen… Königin Helena ordnete darauf an, riesige Töpfe mit Zwiebelsuppe kochen zu lassen und ALLE, wirklich ALLE müssten davon essen Gesagt, getan, am 31.12. fanden sich alle zum gemeinsamen Essen zusammen und gegen Abend ließen sich erste Ergebnisse hören… Ryan brachte zusätzlich ordentlich Bier mit und
um Mitternacht waren die Geräusche nicht zu überhören… es war ein Knallen und lautes Rülpsen, dass es eine Freude hatte und alle bösen Geister wurden so vertrieben, die Glühwürmchen sprangen zusätzlich in die Höhe, so dass es funkelte und blitzte.
Ryan war einmal mehr sehr mit sich zufrieden, so eine tolle Party organisiert zu haben, sämtliche Grillen zirpten im Konzert, alles tanzte und lachte. Königin Helena blickte über ihr Volk und dachte sich “hoffentlich hat der Maya-Kalender nicht recht und nächstes Jahr ist alles aus”….. gaaanz spät nachts senkte sich gnädige Stille über die Klatschmohnwiese, alle Bewohner schliefen bierselig und freuen sich auf neue Erlebnisse 2012.
Weltuntergang. Königin Helena schlief schlecht in das neue Jahr hinein – sie träumte von den Prophezeiungen der Maya. Als sie aufwachte, entschied sie, dass ihr Volk ein Recht darauf hatte, vorgewarnt zu werden. Vielleicht war das letzte Zeitalter tatsächlich bereits fast vorbei? Sie rief ihre Untertanen zu sich und begann, vom Untergangsszenario zu berichten: „Vielleicht hat es der ein oder andere in seinem Unterricht bei Fräulein Kassandra gehört – es gibt eine Vorhersehung des Volkes der Maya, dass die Welt in diesem Jahr untergehen soll. Genauer gesagt endet ihr Kalender am 21. Dezember, zur Wintersonnenwende. Ich hatte deshalb letzte Nacht einen schlechten Traum…“
Ryan lehnte sich mit coolem Blick zu Hörnfried hinüber und flüsterte: „Ein Bier ohne Schaum, DAS ist ein schlechter Traum!“ Hörnfried hielt sich sein Zeckenmaul vor Lachen.
Königin Helena bekam davon nichts mit, sie fuhr fort mit ihrer Erzählung: „…und nicht nur die Maya haben das Ende der Welt vorhergesagt! Auch die Hopi-Indianer, die am Rande der Painted Desert in Arizona leben, glauben daran. Laut ihrer Legenden soll es zum Ende der 4. von 7 Welten überall auf der Erde brennen und die Zeit der Veränderungen beginnen. Diese 4. Welt haben wir nach ihren Berechnungen jetzt! Nur Menschen und andere Lebewesen, die es nicht verlernt haben, mit der Natur zu leben, werden überleben.“
Ryan, der leicht beleidigt war, weil ihm jemand wissensmässig die Show stahl, warf klugscheisserisch ein: „Die Maya und auch die Hopi feiern jährlich die Wintersonnenwende. Aber nur die ältesten und würdigsten Vertreter eines Stammes dürfen sie mit jeder Menge Rauschmitteln zelebrieren. Lasst es uns ihnen gleichtun!“ Rentina guckte genervt und Ryan fing ihren Blick mit den Worten auf: “Intelligenz säuft, Baby, deshalb bin ich auch nie nüchtern!”.
An dieser Stelle meldete sich Fräulein Kassandra zu Wort, sie wandte sich dabei vornehmlich an Maja und Willi, die die ganze Geschichte staunend verfolgten: „Kinder, Hexen zum Beispiel sind die einzigen Menschen, die uns Insekten auch tolerieren, sie könnten folglich überleben…“ Willi rief aufgeregt dazwischen. „Aber Hexen entführen doch Kinder!“ Ryan musste wiedermal einen Seitenhieb loswerden und sagte gehässig: „Keine Panik, wer dich entführt, gibt dich spätestens morgen wieder zurück!“. Ryan sah den Rest des Völkchens beschwörend an, bevor er weitersprach: „Ha, und da wären wir wieder bei der Wintersonnenwende! Die feiern Hexen nämlich auch!“ Triumphierend blickte er um sich. Thekla erwiderte mit leicht spöttischer Miene, dass es Ryan doch nur wieder ums Bier ginge, und Ryan antwortete prompt wie jedes Mal bei der Erwähnung seines heißgeliebten Grundnahrungsmittels: „Will man genießen, muss auch Bier fließen! Hat schon Nostradamus gesagt! Auch den Weltuntergang hat er mehrmals prophezeit!“
„Ich frage mich, warum man den Weltuntergang mehrmals vorhersagt, wenn er doch eigentlich nur einmal stattfinden kann?“, rätselte Maja. Fräulein Kassandra unterbrach das
Geschwätz: „Selbst die alten Ägypter haben das nahende Ende in ihrem Buch der Toten niedergeschrieben…“ „Die Toten konnten schreiben?“, wunderte sich Willi, und Flip hob einen seiner grünen Flügel, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen: „Ich wage auch eine Prognose! Es könnte so der so ausgehen!“ – dann fiel er um, denn seit seinem regelmäßigen Bierkonsum litt er teilweise unter Gleichgewichtsstörungen. Die Menge lachte und zog Flip auf.
Zornesfalten bildeten sich auf Helenas Stirn und sie herrschte ihr Volk an: „Allmählich kommt es mir so vor, als fehlt einigen hier der nötige Ernst für dieses heikle Thema!“ Ryan verging das siegessichere Grinsen, das ihm zuvor noch bei dem Gedanken an die schon in trockenen Tüchern geglaubte nächste Party ins Gesicht geschrieben stand. Er grübelte nun darüber nach, wie er das Ruder noch einmal herumreißen konnte. Schließlich fiel ihm ein, wie er damals einmal unglücklich vom Rücken des Dackels gerutscht und genau auf das ebenfalls am Boden liegende I-Phone eines Menschen gelandet war. Beim Auf- und Abhüpfen, um wieder auf den Dackel zu kommen (was gar nicht so einfach war, denn zu dem Zeitpunkt war er schon ziemlich weit hin), sprang er auf dem Display herum und jedes Mal wechselte es die Farben, alles blinkte kunterbunt! Als er dann das Prinzip der richtigen Bedienung begriffen hatte, war er stundenlang im Internet unterwegs gewesen und hatte die erstaunlichsten Dinge entdeckt. Unter anderem hatte er dort zufälligerweise auch etwas über Prophezeiungen als solche gelesen und gab gleich etwas davon zum Besten:
„Jetzt hört mir mal zu. Die Zeugen Jehovas haben sich mit dem Ende der Welt nun schon 4x geirrt, und im Jahre 2000 schließlich sollte ihrer Meinung nach endgültig die Welt untergehen. Nichts ist passiert! Danach gab es erstmal aus verständlichen Gründen keine weiteren Vorhersagen mehr – der fünfte Weltuntergangstermin wird wahrscheinlich am 1. Januar 2013 bekanntgegeben, haha…oder Moses David, der Gründer einer Sekte, glaubte, dass 1973 ein Komet die Erde treffen und alles Leben in den USA vernichten würde. Vor dieser Vorhersage hatte vermutlich ein schwerer Gegenstand seinen Kopf getroffen, denn auch diese Prophezeiung traf nicht ein! Dann war da noch Martin Luther. Zuerst entschied er sich weltuntergangsmässig für das Jahr 1532, und als nichts passierte, war er sich vermeintlich sicher, dass es 1538 soweit sein müsse. Schließlich fiel ihm irgendwann nach 1538 ein, dass er vorher die ganze Zeit im falschen Film gewesen war und die Apokalypse 1542 stattfinden würde! Nunja, nach 1542 wollte auch er sich komischerweise nicht mehr auf genaue Termine festlegen lassen.
Das Ende der Welt wird und wurde immer wieder vorhergesagt! Es muss nicht zwingend eintreffen, aber bestimmte Rituale, wie sie schon von den hier aufgezählten Urvölkern praktiziert wurden, könnten uns davor bewahren unterzugehen, zum Beispiel das Wintersonnenwendenfest. Denn alle Prohepezeiungen laufen auf eine bestimmte Planetenkonstellation hinaus – die Wintersonnenwende am 21.12. eines jeden Jahres. Lasst es uns also so machen wie die Urvölker: feiern und berauschen wir uns, damit das Ende dadurch vielleicht abgewendet werden kann – besser bierselig als ewig selig!“
Nachdem doch eher nachdenklichem Biergelage kam die Klatschmohnwiese langsam wieder zu Besinnung.
Maja und Flip waren die ersten, die wieder unterwegs waren. So ganz konnten sie die Ausführungen von Ryan doch nicht vergessen. “Filp”, fragte Maja, “meinst Du an diesen Vorhersagen von Ryan ist was Wahres dran?” “ich glaube nicht.” antwortete Flip. “Die Welt sollte schon so oft untergehen mit den unterschiedlichsten Szenarien und nie ist was passiert, zumindest nicht das, was vorhergesagt wurde.”
Das beruhigte Maja, denn Flip wusste immer zu allen Themen einen Rat.
Er fügte hinzu: ” Ich mache mir langsam Sorgen um unsere Gemeinschaft. Dieses neue Getränk von Ryan verändert alle irgendwie. dann noch seine ganzen neuen Rituale und Feste wie Weihnachten, Silvester usw., das bringt alle durcheinander. Wer weiß was als nächstes noch kommt. Sollen wir vielleicht noch den Hasen und Karnickel huldigen?”
“Sprechen wir das Thema in Anwesenheit von Ryan besser nicht an, wer weiß, was ihm dazu wieder einfällt.”
Und so zogen sie weiter über die noch sehr ruhige Klatschmohnwiese, die im Sonnenaufgang mit einem leichtem Nebel und dem Tau auf den Grashalmen wie aus einem Märchen sich vor Ihnen ausbreitete.
Gedankenspiele
Fräulein Kassandra machte sich ebenfalls Gedanken, wie man das zunehmend außer Rand und Band geratene Bienenvolk wieder zu alter Ordnung führen könnte. Ihr kam die Idee, den Insekten das Musizieren wieder näher zu bringen, und in einem Gespräch mit Königin Helena versprach diese ihr ihre volle Unterstützung. Die Beiden waren sich einig, Ryan und seine Saufkumpane über ihre Pläne vorerst im Dunkeln zu lassen, bis ein Termin für das klassische Konzert feststand. Sie befürchteten, dass das Ganze ansonsten nur wieder in einer wilden Party mit weiteren Kollateralschäden enden würde, und das Volk sollte schließlich zur Ruhe kommen… “Hach ja”, seufzte Ryan, mit Hörnfried in einer stillen Ecke auf der Klatschmohnwiese sitzend, “am Morgen ein Bier, und der Tag gehört dir! Prost, Hörnfried!” Dann ließ er seinen Blick schweifen und gedankenverloren in die Ferne schauend kam er ins Grübeln…wie könnte er es nur hinkriegen, endlich mal wieder richtig abzurocken, Bier und Mädels inklusive? “Man müsste ihnen mal ein richtiges Rockkonzert präsentieren!”, murmelte er vor sich hin und hatte gleichzeitig überhaupt keine Ahnung, wie er das bewerkstelligen sollte. Was er aber sicher wusste, war, dass der, der das Leben nicht genießt, ungenießbar wird, und genau deshalb wollte er dem Insektenstaat wieder einmal das pulsierende, seiner Meinung nach einzig wahre Leben näherbringen – natürlich nicht ganz uneigennützig, aber das stand ihm schließlich auch zu, fand er einmal mehr. Hörnfried drehte sich zu Ryan und sagte mit lockerer Zunge: “Weltuntergang, pfff…die Sonne geht schließlich wirklich jeden Tag unter! Ich finde, wir sollten das nicht so ernst nehmen und einfach jeden Tag nutzen – carpe diem!” Ryan klopfte ihm anerkennend auf die Schultern und entgegnete: “Gut erkannt! Man könnte auch sagen, Optimismus ist: aus einem Weizenkorn wird irgendwann ein Fass Bier!” Friedlich saßen die Zwei also beim morgendlichen Frühbier und beratschlagten, wie man den Insektenstaat auch zu diesen Erkenntnissen bringen könnte… Unterdessen beschäftigten Fräulein Kassandra und Königin Helena sich mit der Auswahl der überwiegend mittelalterlichen Instrumente. Bisher wurde im Bienenstaat nämlich nur gesungen, und die Herstellung der Instrumente würden sie den emsigen und gründlichen Arbeiterarmeisen unter der Leitung des absolut loyalen Obersts anvertrauen. Sie brauchten als Streichinstrumente eine Nyckelharpa und eine Trumscheit, als Zupfinstrument eine Laute, als Schlaginstrumente eine Tabla, eine Davul und eine Rahmentrommel und als Blasinstrument die Schalmei. Als sie ihre Auflistung fertig hatten, übergaben sie sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit dem Ameisenoberst, damit die Herstellung beginnen konnte. Dann riefen sie Maja, Willi und ein paar Arbeiterbienen zu sich. “So, nun ist Schluss mit der Faulenzerei, jetzt wollen wir was richtig Tolles auf die Beine stellen!”, sprach Königin Helena zu den Herbeigerufenen. Willi, leicht beleidigt, weil er so früh aufstehen musste, nörgelte mit seiner Jammerstimme trotzig: “Ich faulenze nicht – ich arbeite so schnell, dass ich immer fertig bin!” – denn wenn er etwas “gelernt” hatte in der letzten Zeit, dann waren es dumme Sprüche. “Papperlapapp! Los geht’s, den Chor singen wir schon mal ein, und wenn die Zeit gekommen ist, werden wir euch zeigen, wie man auf Musikinstrumenten spielt…”
Ryan lehnte sich vor und lauschte. Hatte er da eben Willis jöselige Stimme gehört oder war es nur das Quietschen von Puk’s Rollstuhl? Kam es von Flip, der gemütlich über die Wiese sprang, immer wieder auch sein “Hü-hüpf!” von sich gebend? Ryan erschrak heftig, als es plötzlich neben ihm polterte – Hörnfried hatte einen der Bierkelche umgestoßen. Aus seinen Gedanken gerissen, murrte er tadelnd: “Hörnfried, auch ein umgekipptes Bier ist Alkoholmissbrauch! Mann, wir müssen mal wieder was reißen hier, wird doch langweilig! Lass’ uns eine Band gründen und ein Festival veranstalten, das wär’ doch was!” “Wie, eine Band gründen?”, Hörnfried wusste nicht, was er davon halten sollte, “mit den Langweilern hier?” “Natürlich sollte es nur wenige Eingeweihte geben! Schon klar, dass Helena nichts davon erfahren sollte, bevor nicht alles in trockenen Tüchern ist!”, antworte Ryan. “Aber wenn sie etwas merkt?”, wollte Hörnfried wissen. Darauf reagierte Ryan mit einem seiner Meinung nach philosophischen Gleichnis: “Ach was, alle merken, wenn ich besoffen bin, aber keiner merkt, wenn ich Durst habe! Merke, Hörnfried: der Weg ist das Ziel!” Hörnfried sah seinen Kumpan grübelnd an: “Gleichnisse kann ich auch: wir könnten ihr doch ein wenig Honig ums Maul schmieren, vielleicht lässt sie sich ja dann darauf ein…” “Kommt überhaupt nicht in Frage, Frauen Komplimente zu machen ist, als ob man im Minenfeld Topfschlagen spielt – das geht garantiert daneben! Nein, wir machen unser eigenes Ding…lass’ mich nur nachdenken…” Und so nahmen die Gedankenspiele in “beiden Lagern” ihren Lauf…
Ein paar Tage gingen ins Land, Maja, Willi und die Arbeiterbienen lernten, wie man auf den Instrumenten spielt. Maja machte ihre Sache schon sehr gut, Willi jedoch hatte sehr mit dem Lesen der Partituren zu kämpfen. Kaum hatte er die Noten gelernt, vergaß er sie sofort wieder…Fräulein Kassandra wurde ungeduldig, heute Abend sollte das Konzert stattfinden – mittags wollten sie den gesamten Staat darüber informieren, und Willi drömelte nur herum! Sie redete ihm mit ernster Stimme ins Gewissen und fragte ihn leicht hilflos, warum er es immer wieder verlerne, die Partituren richtig zu lesen. Maja ihrerseits fragte trocken: “Was man nicht begreift, kann man doch nicht verlernen, oder?” Willi ließ schuldbewusst die Fühler hängen und versprach, sich abends beim Konzert mehr Mühe zu geben. “Eine Lösung hätte ich ja, aber die passt nicht zum Problem…”, Ryan schaute zweifelnd und suchend mit angestrengten Augen in die Ferne, “Wenn ich nur wüsste, wo es war…” Hörnfried war irritiert und fragte sich, was Ryan suchte. Nachdem er ihm diese Frage gestellt hatte, begann Ryan zu erzählen, was ihm permanent im Kopf herumschwirrte: “Damals, als Wasti noch jünger und wilder war, kam der Enkel seines Besitzers zum Spazierengehen. Manchmal nahm er Wasti auch für ein paar Tage mit, und einmal gingen sie auf eine ebenso große Wiese wie diese hier. Dort fand ein Rockfestival statt! Es war laut, und überall waren Menschen. Und Zecken. Und Bier bis zum Abwinken! Ich war mittendrin, auch auf der Bühne! Das will ich nochmal erleben, Hörnfried…” Dann horchte er auf – leise Musik war zu vernehmen. Keine rockigen Klänge, aber es hörte sich an, als sei es gleich nebenan! Aufgeregt sprang er auf und fiel gleich wieder um. Er hatte vergessen, dass er den ganzen Tag über mal wieder mehr Bier getrunken hatte, als er vertragen konnte und musste sich erst sammeln, bevor er einen erneuten Anlauf starten konnte… Zusammen mit Hörnfried traf er kurze Zeit später auf die musizierenden Bienen und staunte nicht schlecht. Allerdings gefiel ihm die Musik gar nicht und angewidert rümpfte er seine für einen Floh zu groß geratene Nase. Seine Mutter hatte immer gesagt, dass er sie hätte, damit er sie besser in andere Leute Angelegenheiten stecken könnte. Das Publikum saß gelangweilt herum, kleine Töpfchen mit Honigwasser zwischen den Fühlern. “Was ist denn hier los? Einschlafen leicht gemacht?”, rief er entsetzt. Königin Helena versuchte, den immer aufgebrachter werdenden Floh zu beruhigen: “Wir veranstalten ein Konzert. Leider wart ihr beide ja den ganzen Tag unauffindbar, wahrscheinlich Bier trinken, hab ich recht? Sonst hätten wir euch rechtzeitig informieren können! Ryan, nun sei doch mal ein bisschen tolerant,
weniger zynisch und bilde dir erst hinterher eine Meinung!” Doch Ryan war nicht zu bremsen, und der bereits reichlich genossene Alk tat sein Übriges, als er laut erwiderte: “Zynismus ist nun mal eine unerfreuliche Art, die Wahrheit zu sagen – manche sind auch nur tolerant, weil sie zu bequem sind, eine eigene Meinung zu haben! Und außerdem hat jeder ein Recht auf meine Meinung! Bevor ich mir sowas hier reinziehe, hab ich doch lieber Bier im Bauch statt Wasser im Kopf!” Herannahende Autos mit ohrenbetäubender Rockmusik übertönten das Konzert und das Streitgespräch zwischen Königin Helena und dem unbelehrbaren Floh Ryan. Dessen Miene hellte sich zusehends auf, und gespannt versuchte er zu orten, woher und wohin die heißersehnten Klänge kamen und gingen…schließlich fand sich der Insektenstaat inmitten eines Zeltplatzes völlig durchgeknallter, betrunkener und bekiffter Menschen wieder. Kurzerhand hatten die Menschen anscheinend beschlossen, sich hier niederlassen zu wollen – aber Ryan wusste es besser. Die Wiese, auf der das von ihm vermutete Festival stattfinden würde, musste ganz in der Nähe sein! Die Menschen hatten die Klatschmohnwiese als vorübergehendes Lager in Beschlag genommen…er würde mit Hörnfried einfach auf einen der langhaarigen Bombenleger aufspringen, und die Party konnte beginnen! “Weisst du was, Kumpel? Du wirst Augen machen, wie viele Rockzecken sich dort versammeln…vielleicht triffst du sogar deine Familie!”, Ryan war nicht mehr zu halten – es war ihm doch egal, was die anderen machten; er würde das tun, wonach ihm der Sinn stand, basta! “Ha, und ihr bescheuertes Konzert samt Honigwässerchen könne sie nun auch abhaken! Ich hab’s ja immer gewusst: die Jungen können vielleicht schneller laufen, aber die Alten kennen die Abkürzung! Jetzt müssen wir uns nur noch einen Menschen aussuchen – komm, schnell!”, sprach’s und schon hüpfte Ryan wie von Flohspray gejagt davon. Hörnfried nahm seine Zeckenbeine in die Hand und hatte Mühe, hinterherzukommen. Zu allem Übel gesellten sich nun auch noch Flip, Maja, Willi und Puk dazu. Da Puk sich in seinem Rollstuhl nicht so schnell bewegen konnte, hatte man ihn – auch zu Evakuierungszwecken – auf Flips Rücken festgeschnallt. Die Brille saß schief auf Puks Nase und ganz nüchtern schienen sowohl er als auch Flip nicht mehr zu sein…sie hatten das Honigwasser heimlich mit Bier getauscht! Beide waren der Meinung, dass Ryan Recht haben musste: Realität ist nur was für diejenigen, die mit Alkohol nicht zurechtkommen…
Live in concert
Ein paar Tage gingen ins Land, Maja, Willi und die Arbeiterbienen lernten, wie man auf den Instrumenten spielt. Maja machte ihre Sache schon sehr gut, Willi jedoch hatte sehr mit dem Lesen der Partituren zu kämpfen. Kaum hatte er die Noten gelernt, vergaß er sie sofort wieder…Fräulein Kassandra wurde ungeduldig, heute abend sollte das Konzert stattfinden – mittags wollten sie den gesamten Staat darüber informieren, und Willi drömelte nur herum! Sie redete ihm mit ernster Stimme ins Gewissen und fragte ihn leicht hilflos, warum er es immer wieder verlerne, die Partituren richtig zu lesen. Maja ihrerseits fragte trocken: “Was man nicht begreift, kann man doch nicht verlernen, oder?” Willi ließ schuldbewusst die Fühler hängen und versprach, sich abends beim Konzert mehr Mühe zu geben. “Eine Lösung hätte ich ja, aber die passt nicht zum Problem…”, Ryan schaute zweifelnd und suchend mit angestrengten Augen in die Ferne, “Wenn ich nur wüsste, wo es war…” Hörnfried war irritiert und fragte sich, was Ryan suchte. Nachdem er ihm diese Frage gestellt hatte, begann Ryan zu erzählen, was ihm permanent im Kopf herumschwirrte: “Damals, als Wasti noch jünger und wilder war, kam der Enkel seines Besitzers zum Spazierengehen. Manchmal nahm er Wasti auch für ein paar Tage mit, und einmal gingen sie auf eine ebenso große Wiese wie diese hier. Dort fand ein Rockfestival statt! Es war laut, und überall waren
Menschen. Und Zecken. Und Bier bis zum Abwinken! Ich war mittendrin, auch auf der Bühne! Das will ich nochmal erleben, Hörnfried…” Dann horchte er auf – leise Musik war zu vernehmen. Keine rockigen Klänge, aber es hörte sich an, als sei es gleich nebenan! Aufgeregt sprang er auf und fiel gleich wieder um. Er hatte vergessen, dass er den ganzen Tag über mal wieder mehr Bier getrunken hatte, als er vertragen konnte und musste sich erst sammeln, bevor er einen erneuten Anlauf starten konnte… Zusammen mit Hörnfried traf er kurze Zeit später auf die musizierenden Bienen und staunte nicht schlecht. Allerdings gefiel ihm die Musik gar nicht und angewidert rümpfte er seine für einen Floh zu groß geratene Nase. Seine Mutter hatte immer gesagt, dass er sie hätte, damit er sie besser in anderer Leute Angelegenheiten stecken könnte. Das Publikum saß gelangweilt herum, kleine Töpfchen mit Honigwasser zwischen den Fühlern. “Was ist denn hier los? Einschlafen leicht gemacht?”, rief er entsetzt. Königin Helena versuchte, den immer aufgebrachter werdenden Floh zu beruhigen: “Wir veranstalten ein Konzert. Leider wart ihr beide ja den ganzen Tag unauffindbar, wahrscheinlich Bier trinken, hab ich recht? Sonst hätten wir euch rechtzeitig informieren können! Ryan, nun sei doch mal ein bisschen tolerant, weniger zynisch und bilde dir erst hinterher eine Meinung!” Doch Ryan war nicht zu bremsen, und der bereits reichlich genossene Alk tat sein Übriges, als er laut erwiderte: “Zynismus ist nun mal eine unerfreuliche Art, die Wahrheit zu sagen – manche sind auch nur tolerant, weil sie zu bequem sind, eine eigene Meinung zu haben! Und ausserdem hat jeder ein Recht auf meine Meinung! Bevor ich mir sowas hier reinziehe, hab ich doch lieber Bier im Bauch statt Wasser im Kopf!” Herannahende Autos mit ohrenbetäubender Rockmusik übertönten das Konzert und das Streitgespräch zwischen Königin Helena und dem unbelehrbaren Floh Ryan. Dessen Miene hellte sich zusehends auf, und gespannt versuchte er zu orten, woher und wohin die heißersehnten Klänge kamen und gingen…schließlich fand sich der Insektenstaat inmitten eines Zeltplatzes völlig durchgeknallter, betrunkener und bekiffter Menschen wieder. Kurzerhand hatten die Menschen anscheinend beschlossen, sich hier niederlassen zu wollen – aber Ryan wusste es besser. Die Wiese, auf der das von ihm vermutete Festival stattfinden würde, musste ganz in der Nähe sein! Die Menschen hatten die Klatschmohnwiese als vorübergehendes Lager in Beschlag genommen…er würde mit Hörnfried einfach auf einen der langhaarigen Bombenleger aufspringen, und die Party konnte beginnen! “Weisst du was, Kumpel? Du wirst Augen machen, wie viele Rockzecken sich dort versammeln…vielleicht triffst du sogar deine Familie!”, Ryan war nicht mehr zu halten – es war ihm doch egal, was die anderen machten; er würde das tun, wonach ihm der Sinn stand, basta! “Ha, und ihr bescheuertes Konzert samt Honigwässerchen könne sie nun auch abhaken! Ich hab’s ja immer gewusst: die Jungen können vielleicht schneller laufen, aber die Alten kennen die Abkürzung! Jetzt müssen wir uns nur noch einen Menschen aussuchen – komm, schnell!”, sprach’s und schon hüpfte Ryan wie von Flohspray gejagt davon. Hörnfried nahm seine Zeckenbeine in die Hand und hatte Mühe, hinterherzukommen. Zu allem Übel gesellten sich nun auch noch Flip, Maja, Willi und Puk dazu. Da Puk sich in seinem Rollstuhl nicht so schnell bewegen konnte, hatte man ihn – auch zu Evakuierungszwecken – auf Flips Rücken festgeschnallt. Die Brille saß schief auf Puks Nase und ganz nüchtern schienen sowohl er als auch Flip nicht mehr zu sein…sie hatten das Honigwasser heimlich mit Bier getauscht! Beide waren der Meinung, dass Ryan Recht haben musste: Realität ist nur was für diejenigen, die mit Alkohol nicht zurechtkommen…
Let’s get ready to rock
Willi rieb sich verwundert die Augen – was ging denn hier ab? Überall sah er langhaarige Zottelwesen, die laut gröhlend und Bier trinkend mehr oder weniger eifrig ihre merkwürdigen Behausungen aus Plastikplanen aufbauten. Immer wieder drang rhythmischer, ohrenbetäubender Lärm an seine Fühler. Jetzt hörte er ein Trommeln, aber es klang anders
als er es von Fräulein Kassandras Musikgruppe gewohnt war, viel lauter und schneller…plötzlich heulte etwas auf, und Willi erschrak wieder einmal zu Tode, auch weil gleichzeitig eines der seltsamen, nur aus Haaren zu bestehenden Wesen neben ihm aufstampfte und “Helgaaa!!!” brüllte. Er flog zu Ryan hinüber, an einem weiteren Mann vorbei, der ebenfalls “Helgaaa!” grunzte und wurde fast von diesem erschlagen – jetzt trachteten sie ihm auch noch nach dem Leben! Atemlos kam er bei Ryan an und plapperte sofort los: “…die suchen alle nach einer Helga! Und sie sind gekommen, um Krieg zu führen! Auf unserer Klatschmohnwiese! Wir müssen Königin Helena informieren!” Ryan war genervt, er wollte zur Bühne bzw. auf die Bühne, hautnah dabei sein! Bier und Blut trinken…für ihn war ein Festival das reinste Paradies! Und jetzt kam dieser Bienerich daher und verstand mal wieder gar nichts…er verdrehte die Augen und wappnete sich, gegen die Lautstärke der Drums und E-Gitarren anzubrüllen, die Willi natürlich nicht als solche einordnen konnte. Wie auch, schliesslich war nicht jeder so weitgereist und intellektuell wie er, der grösste Metalfloh aller Zeiten! Wenn er Haare hätte, wären die auch lang, sinnierte er kurz vor sich hin…dann besann er sich und erklärte Willi von oben herab: “Das sind Rocker! Metal-Freaks! Diese Rasse existiert erst ab 20 Bier – du bist ja kein Metal, eher ‘ne Legierung! Die wollen hier feiern und ihre Mucke hören, keinen Krieg führen, wie kommst du darauf?!?” “Doch, sie haben auch vom Krieg gesprochen…”, nölte Willi herum, “sie wollen gegen die Duschen Krieg führen und haben ‘Duschen ist Krieg!’ gerufen!” Ryan guckte verblüfft, bevor er glucksend anfing zu lachen, sich wenig später den Bauch hielt und meinte: “Verstand ist etwas, das man verlieren kann, ohne es je besessen zu haben! Noch nie vom Duschen gehört? Selbst schuld, aber egal, ich glaub’, ich brauch’ ‘ne Bierbong!” Irritiert schauten die anderen ihn an, selbst Flip war das Quasseln vergangen. Nur Maja redete mit gerümpften Fühlern drauflos: “Und warum stellen die sich alle an unsere Bäume, was soll das?” “Na, die markieren ihr Revier, was sonst?”, kam es wie aus der Pistole geschossen von Ryan. Er genehmigte sich einen gewaltigen Schluck Bier, rülpste laut, wischte sich den Mund ab und gab selbstgefällig eine seiner heissgeliebten Bierplattitüden von sich: “Bier, du böser Geist, auch wenn du mich zu Boden reißt, ich steh auf, du schlägst mich nieder, ich kotz dich aus und trink dich wieder! Und als Übersetzung für die paar Möchtegern-Intellektuelle hier: in vino veritas, in aqua claritas, im Hopfen ist auch etwas! Leute, ihr müsst eines wissen, wer viel trinken kann, ist hier hoch in der Ordnung. Also seht zu, jeder ist seines eigenen Glückes Schmied…”, um sich dann schnüffelnd umzusehen. Er witterte den süsslichen Geruch von Marihuana und grinste breit. “Es wird Zeit”, maulte Ryan, “die anderen Rockerflöhe zu suchen – ich will jetzt weiter, wer kommt mit?” “Mhhh, nun drängel’ nicht so, lass’ uns doch erstmal abwarten, was passiert!”, bemerkte Hörnfried. Ryan reagierte unwirsch und sagte: “Ich WEIß, was passiert! Ich will zur Bühne, abrocken und headbangen!” Vermeintlich kopfschüttelnd stand er vor ihnen, aber irgendwie hörte er gar nicht mehr auf, bis Flip befand, einschreiten zu müssen: “Ryan, was hast du, geht’s dir nicht gut? Warum so ungeduldig? Wer weiß, was uns da hinten blüht, es kann nicht schaden, die Lage erstmal nur zu beobachten…” Mit schwerer Zunge, aber nahezu überschäumender Energie rief Ryan: “Ungeduldig? Wer? Ich? Boah, diskutiert nich’, kommt mit oder bleibt hier!!! Und lasst mich gefälligst headbangen, das ist die höchste Form der Kommunikation unter Metalfans, ihr Unwissenden!” Sprach’s, und setzte sich headbangend sowie schwankend in Bewegung….Flip rief ihm noch: “Ryan, du schwankst doch schon!” hinterher, aber Ryan parierte im Weggehen umgehend. “Na und? Wer schwankt, hat mehr vom Weg!”. Den anderen blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, schliesslich kannte Ryan sich aus “mit sowas” wie dem hier… Sie fanden ihn oben auf der riesigen Bühne, wo er mit anderen Flöhen wie wild auf den Drums herumsprang, dabei heftig kopfschüttelnd. Alle stiessen unverständliche Laute aus, die Hörnfried als “Släääääaaaaah, Bieeer und *** identifizierte. Er sah sich nach den anderen um und vermisste Willi. Wo ist der leicht debile Bienenjunge denn jetzt schon wieder abgeblieben? Als er den anderen diese Frage stellte, antwortete Maja: “Er sucht eine Helga…” Hörnfried war fassungslos, hatte aber keine Lust, sich den Gig durch eine Suche nach der verpeilten Stachelsummse namens Willi verderben zu lassen und sprang guffelnd zu Ryan auf die Drums. “Ey Alter, wie geil ist das denn, eine Zecke beim Drumhopping!”, schrie Ryan gegen die infernalischen Klänge an, während er gekonnt den wirbelnden Drumsticks auswich. Flip sah sich um und hatte die dumme Idee, sich auf den Saiten der hart gespielten E-Gitarre absetzen zu wollen, was er sogleich bereute – er wurde zwischen den Saiten hin- und hergeschossen, ihm wurde schlecht und obendrein wurde Puk abgeworfen und flog sich überschlagend direkt ins Auge des Sängers. Dieser röhrte umso lauter, schliesslich war ihm soeben eine Fliege samt Brille und Rollstuhl in die Pupille geknallt! Als wär’ das nicht schon das Schlimmste, brach plötzlich die Bühne mit lautem Krachen und Donnern in sich zusammen – den Insekten, die sich retten konnten, fiel das erst gar nicht auf. Dachten sie doch, dies sei Teil der Show… Ryan wollte sie nicht beunruhigen und über den Vorgang aufklären, ausserdem war er schweissnass vom für ihn ungewöhnlich harten Sport des Drumhoppings und brauchte ein Bier. Flip stöhnte, hielt sich den Bauch und ließ vernehmen, dass ihm immer noch schlecht sei und dass er glaube, gleich tot umzufallen. Die Lösung des Problems hatte wie immer Ryan parat: “Lasst uns nachtanken, denn ein Trunk aus Malz und Hopfen, das sind die besten Magentropfen! Denk’ immer dran, Flip: im Himmel gibt’s kein Bier, drum trinken wir’s ja hier!” Und so versammelten sich alle Insekten zu einem rauschenden Fest, bevor sie völlig fertig und einer Alkoholvergiftung nahe in ihre Waben einkehrten…
Nach dem wilden Festivalwochenende kehrte müde Katerstimmung ein. Launisch und gereizt beseitigten die Insekten die Reste des Gelages und auf der Klatschmohnwiese herrschte wieder beschauliche Ruhe. Ryan hatte natürlich eine etwas andere Vorstellung von Beschaulichkeit und plante zusammen mit Hörnfried die nächste Großveranstaltung – mithilfe seiner wiedergetroffenen alten Kumpel wollten sie ein großes Fußballpokalturnier organisieren, und es sollten Mannschaften aus ganz Europa daran teilnehmen. Da er die Unterstützung von Königin Helena bzw. die ihres Staates brauchte um sein Vorhaben umsetzen zu können, musste er sich wohl oder übel erneut mit ihr auseinandersetzen.
Helena sah ihn nachdenklich an und sagte: “Ich will kein weiteres Fiasko erleben, schau dich um, alle haben Augenringe, keiner ist mehr richtig fit!” Gespielt zerknirscht setzte Ryan an: “Es tut mir…ach was, ich würd’s wieder tun! Schuld war nicht der Rock’n Roll! Und das sind keine Augenringe, sondern Schatten großer Taten!” Helena erwiderte: “Ryan, ich meine es ernst, ich möchte, dass diesesmal auch etwas Lehrreiches dabei herausspringt, ansonsten war’s das letzte Mal, dass meine Untertanen dich unterstützt haben!” Ryan grinste nur und war der Ansicht, dass Fußball an sich schon lehrreich genug ist (“Brot und Spiele unserer Zeit!”), aber damit kam er bei Helena nicht weiter. Sie bestand darauf, dass er sich etwas einfallen ließe, ansonsten würde sie sein Vorhaben sabotieren. Während Ryan noch überlegte, wie sie das meinen könnte, sprach Königin Helena säuerlich weiter: “Komm’ mir nicht wieder mit irgendwelchen vorgeschobenen Ausreden – wir sind hier nicht bei “Wünsch’ dir was”, sondern bei “So isses”! Wo wir gerade dabei sind: ich will, dass auch Willi wieder mitspielt!” Ryan seufzte abgrundtief und murmelte: “Haltet die Welt an, ich will aussteigen…”, und lauter fuhr er fort:”alles klar, kriegen wir hin!” Er hatte keine Lust auf weitere Diskussionen – die Hauptsache war vorerst, dass er sich durchgesetzt hatte…
Hörnfried, der den Wortwechsel zwischen Königin Helena und Ryan mitverfolgt hatte, sah diesem zweifelnd entgegen. Missmutig verzog Ryan das Gesicht, verlangte schnurstracks
nach einem Bier, prostete Hörnfried mit den Worten: “Hopfen und Malz, ab in den Hals!” zu und nahm einen tiefen Schluck. Geräuschvoll rülpste er im Anschluss und schaute Hörnfried an: “Das Leben ist an manchen Tagen halt nur im Vollrausch zu ertragen!” Sein Kumpel wandte sich mit gemischten Gefühlen an ihn: “Wenn das nur gutgeht…wie willst du das denn überhaupt anstellen?” Ryan antwortete mit einem ironischen Unterton: “Sorry, aber die Gehirnzelle, die das wusste, ist soeben alkoholbedingt verstorben…. ich habe noch keinen blassen Schimmer, im Moment rennt meine Motivation grad nackt mit nem Bier in der Hand über die Wiese!”
Natürlich dauerte es nicht lange, bis Ryan auch diese vermeintliche Hürde genommen hatte und in ihm eine Idee reifte, wie er Königin Helenas Bedingung erfüllen konnte. Er plante, eine absolute Topmannschaft zusammenzustellen, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen sollte. Dazu wollte er nicht nur Bienen, sondern auch einige der besonders guten Spielerwespen des Schwesternstaates von Königin Helena sowie diverse andere Insekten als Spieler verpflichten. Als Motto sollten Fairness und Freundschaft unter den verschiedenen Insektenvölkern das Ereignis bestimmen. Ryan glaubte, damit den Anforderungen Helenas gerecht zu werden. Desweiteren hatte er sich als besonderen Clou ausgedacht, in seiner Ansprache während der Eröffnungsfeier die speziellen Fähigkeiten einzelner Insekten hervorzuheben und ihre wissenschaftlichen Bezeichnungen anzugeben.
Natürlich hatte er sich ebenfalls bereits Gedanken über die möglichen Spieler gemacht, und als erstes war ihm für den Sturm Miro, die rothaarige Wespenbiene (Nomada lathburiana) vom FC Kiffen 081 eingefallen. Die sibirische Keulenschrecke (Gomphocerus sibiricus) Poldi Kokoschinski von Sturm Gras1 wird Miro unterstützen.
Die gemeine Blindbremse (Chrysops caecutiens) Blimse Gomezzz vom SSV Deppendorf1 würde dagegen vorerst auf der Ersatzbank Platz nehmen müssen.
In der Abwehr baute er auf die bewährte Renn- und Schlupfwespe (Dyspetes arrogator) Philipp Warm, die zur Zeit an Juventus Urin1 ausgeliehen war. Auch die Schmarotzerhummel (Bombus barbutellus) Nuts Hummels von Borussia Torgasmus1 und Knast-Kämpfer Hinrich, der bislang aktiv bei den Alfelder Bierbäuchen1 mitgespielt hatte, sollten die Verteidigung stellen.
“Ich frage mich nur, was ich mit der behäbigen und trägen Honigbiene Willi zwischen all’ den hochkarätigen Spitzensportlern soll”, maulte Ryan herum. “Willkommen in der Realität”, kam es schnippisch von der vorbeilaufenden Thekla, “darf ich dich ein wenig herumführen?” Ruckartig drehte sich Ryan zu ihr um, schwankte, fiel gegen einen Baum und fluchte. Sarkastisch fragte Thekla ihn, ob er betrunken sei. Ryan konterte mit den Worten: “Nein, mann, der Baum hat mich was gefragt!” Kichernd zog die Spinne von dannen.
“Hast du dich schon für einen bestimmten Torhüter entschieden?”, fragte Hörnfried, um Ryan abzulenken und die Situation wieder ein wenig zu entspannen. Dieser sah ihn mit glasigen, bierseligen Augen an und schwieg. “Ich hätte da nämlich einen Vorschlag”, redete Hörnfried weiter, “wie wär’s mit Samuel Feuer, der Fangschrecke² von Dynamo Tresen1 ?” “Hm, gute Idee”, kam es von Ryan, der wieder einen großen Schluck Bier nahm. Dann unterbreitete er Hörnfried seine Vorstellungen über den Einsatz bestimmter Mittelfeldspieler: große Hoffnungen setzte er in den schwarzen Bombadierkäfer3 (Aptinus bombarda) Ösi von Fellatio Rom1 und in Sami, die gemeine Löcherbiene (Heriades truncorum) von Egal Madrid1.
Mit von der Partie sollte auch Götzi sein, die rauhfüßige Hosenbiene (Dasypoda hirtipes) von Hinter Mailand1.
Der Einsatz von Wasti Steinschweiger war mittlerweile auch ungefährdet – die Wegwespe4 (Anoplius infuscatus) von den Zeugen Yeboahs1 war nach einer Verletzung wieder fit. Ein
diabolisches Grinsen erschien in seinem kleinen Flohgesicht, als er daran dachte, wie Thekla wohl auf den Spinnenfeind reagieren mochte…

1 Anmerkung: alle hier genannten Fußballvereine existieren tatsächlich. Der FC Kiffen 08 aus Helsinki ist sogar mehrfacher finnischer Fußballmeister.
² Fangschrecken (Gottesanbeterinnen) haben Fangbeine, mit denen sie ihre Beute fangen. Sie warten in Lauerstellung auf Insekten.
3 Werden Bombadierkäfer bedroht, schleudern sie dem Angreifer ein ätzendes und übelriechendes Sekret entgegen. Der Explosionsapparat am Hinterleib besteht aus der Drüse, die das Gift produziert, einer Sammelblase und der Explosionskammer.
4 Wegwespen betäuben Spinnen mit einem Stich und verschleppen das gelähmte Insekt in ihr Nest. Nachdem sie ihr Ei auf der Spinne abgelegt haben, verschließen sie die Nester. Die Larve schlüpft recht schnell und ernährt sich von der Spinne.


Ryans Rede während der Eröffnungsfeier hatte großen Zuspruch von Königin Helena erhalten, und er wollte es sich jetzt einfach nur noch gutgehen lassen. Ihm war schon ganz schwindelig von den vielen lateinischen Bezeichnungen, die er zwar abgelesen hatte, aber dennoch ja aussprechen können musste! Im Stillen fragte er sich, wie jemand nur so bekloppt sein konnte, sich mit diesem Mist den lieben langen Tag zu beschäftigen? Dann raffte er sich auf, um sich ein Bier zu holen und zu schauen, wo Hörnfried sich herumtrieb, denn bald sollte das Viertelfinale beginnen. Ryan freute sich, wieder einmal hatte er unter Beweis gestellt, wie genial er war – in Sachen Organisation und des Einstellens einer Mannschaft machte ihm so schnell keiner etwas vor! Weder Rehakles, der Trainer der heutigen Gegner, noch der selbsternannte Cheftrainer der Italiener, Trapper Toni, der ständig Unverständliches wie “Flasche leer” etc. vor sich hin brabbelte! Er wusste, dass es nicht leicht sein würde, gegen die mit allen Mitteln kämpfenden trojanischen Hellenen zu gewinnen. Die blau-weißen Insekten, allen voran im Angriff die zweifarbige Beißschrecke Gekas, würden seine Jungs wegzugrätschen versuchen, wo es nur ging. Allerdings war seine Mannschaft mittlerweile ein eingeschworenes Team und spielerisch weit überlegen, so dass es für die Hellenen keinen Rettungsschirm geben würde! Wenn nur Willi nicht immer wieder aus der Reihe tanzen würde…
Er wollte an Flip und Puk vorbei, die Honigwein tranken und ihn prompt in ein Gespräch zu verwickeln drohten. Gewohnt dreist schnodderte er ihnen: “Darf ich mal vorbei? Hier gehts nach Kompetenz!” entgegen. Aber es war zu spät, Flip schien aufgeregt zu sein, denn er plapperte sofort los:”Hörnfried sucht dich überall, wo warst du denn? Hier ist die Hölle los….” “Kann nich’”, unterbrach Ryan ihn, “die Hölle war schon voll, deshalb bin ich ja zurückgekommen!” Flip stand der Mund offen, Puk rückte sich unbeirrt seine Brille zurecht und meldet sich lallend zu Wort:” Ryan, wenn man bei dem Wort Mama vier Buchstaben tauscht, heißt es Bier!” Jetzt war es an Ryan, verwirrt dreinzugucken. Entgeistert schaute er die immer noch leicht vom Festival lädierte Fliege an, als Puk schnell hinterschob, dass er den Spruch von Thekla aufgeschnappt hatte…”Ok”, sagte Ryan mehr zu sich selbst, “ich geb’s ja zu, dass ich manchmal zu massiver Detailüberinterpretation neige, aber nicht immer ist es von Vorteil zu sagen, was man denkt. Es könnte einem nämlich als verbale Inkontinenz ausgelegt werden, wisst ihr? Also werde ich dazu vernünftigerweise nichts mehr sagen, sondern mir einfach was zu Trinken holen – und dann die Jungs einschwören!”
Flip hatte die Sprache halbwegs wiedergefunden und tönte: “Ryan, ich glaube wirklich, dass wir bis ins Finale kommen! Es sei denn, wir verlieren vorher!”
Ryan erreichte noch immer kopfschüttelnd den Tresen, an dem Hörnfried bereits stand, weil er genau richtig gemutmasst hatte, Ryan dort irgendwann zu treffen. Der kleine Floh, der
stets ganz groß sein wollte, verlangte lautstark nach Bedienung. Immer noch konsterniert wegen des kurzen Gespräches mit Flip und Puk bellte er den eilig herbeikrabbelnden Barkäfer Kurt an: ”Zwei Alkohol, egal, was!” Als sie wenig später anstießen und Hörnfried “Prost! Auf Ex!” rief, parierte Ryan sofort in seiner trockenen Art: “Nee, auf die trinken wir nicht!”. Hörnfried lachte, er war froh, dass Ryan aufgetaucht war. Nun konnte es losgehen, das heissersehnte Fußballfest!
Zwei Stunden später lief die 1. Halbzeit auf vollen Touren, und das Defensivspiel der Hellenen zeigte durchaus Wirkung, wobei es ein ziemlich brutales Spiel war. Die gegnerische Mannschaft zog sich oft in die eigene Hälfte zurück, bemüht, hinten sicher zu stehen und ließ die Insekten der Klatschmohnwiese kommen. Flip langweilte sich und plapperte pausenlos dummes Zeug in sein Megaphon: “Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Die Pfeiffe blieb aber taub! Und dann ist auch noch die Luft, die nie drin war, raus aus dem Spiel.”
Kurz vor Ende der 1. Halbzeit stand es noch immer 0:0, und Ryan nahm sich vor, der Mannschaft in der Pause richtig einzuheizen. Er fragte sich allerdings, wann der Schiri abzupfeiffen gedachte, denn seiner Meinung nach waren die 45 Minuten längst verstrichen. Wild gestikulierend stand er am Spielfeldrand und versuchte, die schwarzköpfige Weichwanze, die das Spiel leitete, auf sich aufmerksam zu machen. Diese fühlte sich durch die eigenmächtige Art des übellaunigen Flohs provoziert und brüllte Ryan an: “Ich habe keine Uhr! ICH entscheide, wie spät es ist!” Schliesslich pfiff der Schiri doch zur Halbzeitpause und die Mannschaften liefen vom Platz in die Katakomben, wo sie von ihren Trainern gebrieft wurden.
Die 2. Halbzeit hatte gerade begonnen, und Ryans Mannschaft war hochmotiviert, brannte geradezu ein Offensivfeuerwerk ab! Sami ist auf dem Weg zum Tor – dann lässt sich der Angreifer allerdings zu weit nach außen abdrängen. Er zieht das Leder zwar noch in die Mitte, scheitert dort aber an der gemeinen Breitstirnblasenkopffliege Papadopoulos aus der gegnerischen Abwehr. Flip ließ es sich natürlich nicht nehmen, den passenden Kommentar abzugeben: “Das war ein ziemlich schwacher Fehlpass!”
Kurze Zeit später durchbrach Poldi Kokoschinski plötzlich nach einem Steilpass von Wasti Steinschweiger die Abwehr um Sokratis, der grünen Stinkwanze, und drosch die Kugel direkt ins Netz. Die Torwespe war chancenlos! Ohrenbetäubender Jubel brach los, und Stadionsprecher Flip war total von der Rolle, als er beschwingt eine seiner Plattitüden zum Besten gab: “Es gibt nur eine Möglichkeit, liebe Leute: Sieg, Niederlage oder Unentschieden!”
Als sei es ein böses Omen, folgte kurze Zeit später der Ausgleich, der von Ryan laut brüllend und tobend zur Kenntnis genommen wurde. Wütend pflaumte er den vorbeilaufenden Torschützen an: “Na, glücklich? Geht auch vorbei – Erwartung ist der Ursprung jeder Enttäuschung!” Poldi Kokoschinski peitschte seine Kameraden nach vorne: “Wir müssen jetzt die Köpfe hochkrempeln – und die Ärmel auch!”
Das Spiel läuft weiter, wobei die Hellenen anzugreifen versuchten, was ihnen jedoch nicht gut bekommt! Nach einem Konter durch Gekas findet blitzschnell eine folgenschwere Ballabnahme statt – die Abwehr der Heimmannschaft ist zur Stelle und knöpft der Beißschrecke die Kugel ab. Dann geht alles ganz schnell: der schwarze Bombadierkäfer Ösi passt 40 Meter vor dem Tor zur rauhfüßigen Hosenbiene Götzi. Der spielt den direkten Doppelpass genau im richtigen Moment in den Lauf des Bombadierkäfers. Ösi lupft die Kugel an der Strafraumgrenze über die herausgeeilte Torwespe und es heißt 2:1!
Ryan ballte die Siegerfaust und gab knurrend von sich: “Na also, ich bin halt mehr der Endgegnertyp!” Im Geiste sah er sich schon den Pokal von der Pokaljungfer-Libelle entgegennehmen…
Der Coach der Hellenen Rehakles kann nicht fassen, was er hier erleben muss. Er hüpft und rast völlig aufgescheucht durch die Coachingzone und versucht seine Mannen aufzuwecken und zu ermuntern.
Und dann wird es nochmal eng für Ryan und sein Team: durch einen fatalen Fehler der Verteidigung sieht sich Gekas allein vor Samuel Feuer und dessen Tor! Der eigentlich unhaltbare und hammerhart geschossene Ball wird allerdings locker von der Fangschrecke Feuer mit Willi zwischen den Vorderbeinen von der Linie gewischt! “Siehste, jeder ist zu etwas zu gebrauchen!”, guffelte Hörnfried in sich hinein. Die Fangschrecke hatte beschlossen, Willi als eine Art Handschuhersatz zu benutzen, und der Schiri hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Wenn Willi allerdings gewusst hätte, was ihm blühte, wäre er wohl nicht einverstanden gewesen. Er hatte sich auf eine ruhige Kugel vorbereitet, so, wie es ihm vor dem Spiel versichert worden war, und nun dröhnte sein Schädel – und dabei war er nur dieses eine Mal richtig “zum Einsatz” gekommen!
Die reguläre Spielzeit ist bereits so gut wie vorbei, als eine Flanke von der linken Seite den Kopf von der spät eingewechselten rothaarigen Wespenbiene Miro findet – abgebrüht verwandelt die bewährte Stürmerbiene zum 3:1, während im ekstatischen Jubel der Schlusspfiff des Schiedsrichters ertönt. Ryan schnappte fast über vor Stolz, sprang von einem seiner Spieler zum nächsten und freute sich wie ein kleines Kind. Als er die mit hängenden Köpfen vom Feld trabenden Hellenen sah, entschlüpfte seinen Flohlippen: “Ich glaub’, ich hab’ ‘nen Tinnitus im Auge, ich seh’ nur Pfeiffen!” Dann schweifte sein Blick in die Ferne und erneut erfasste ihn der Glückstaumel – GEWONNEN!